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Klimt

A/F/D/GB 2006. R: Raoúl Ruiz. B: Gilbert Adair. K: Ricardo Aronovich. S: Valeria Sarmiento-Ruiz. M: Jorge Arriagada. P: epo, Lunar, Gemini u.a. D: John Malkovich, Veronica Ferres, Nikolai Kinski, Saffron Burrows u.a.
97 Min. Arsenal ab 25.5.06

Zwischen Genie und Wahnsinn

Von Nicole Ribbecke Die langsame Längsachsendrehung der Kamera stellt das Gemälde der wildsprühenden Rothaarigen auf den Kopf, um weiter gedreht, in seiner Ausgangsposition zu verharren. Bereits mit diesem kreiselnden Bild gelangt der Betrachter in einen Strudel geheimnisvoller und weiblicher Mysterien. Kreisförmige Bewegungen sind ein wiederkehrendes Element in Raoúl Ruiz' Film über den Jugendstil-Künstler Gustav Klimt. Die Objekte der düsteren, mit rauschenden Stoffen ausgestatteten Räume und die sich in ihnen nahenden und kristallisierenden Personen nehmen während kompletter Kamerarundfahrten wiederholt Gestalt an. In rasanter Umschau lassen sich die diskutierenden Persönlichkeiten im Wien der Jahrhundertwende von der Mitte des Tisches aus belauschen. Durch diese kontroverse Runde gelingt es Ruiz, die widersprüchliche Stimmung des österreichischen Fin de siècle einzufangen und die unkonventionelle Haltung des Künstlers aufzudecken. In seinen Werken wird das Feminine zelebriert, Formen und Farben neu definiert. Das Wallen der Gewänder und das im zersprungenen Spiegel gebrochen Gesehene, transportieren Klimts Sichtweisen und Methoden in den Film.

Das sinnliche Vergnügen des in der Luft schwebenden Blattgoldes, welches das gesamte Farbspektrum in glitzernden Reflexen zurückwirft, erweckt die fließenden Bilder des innovativen Künstlers durch Bewegung zum Leben.

Das rauschende Fest wird jedoch in immer kürzeren Abständen und in länger werdenden Passagen von beängstigend unauflösbaren Rätseln unterbrochen. Tödliche Verwechslungsspiele treibende Zwillingsschwestern ziehen Klimt in ihren Bann. Ein verwirrendes Vexier- und Trugbild versetzt den von Farben geblendeten Zuschauer in ein undurchdringliches Labyrinth unheilvoller Atmosphäre. Die plötzlichen, überraschenden Schnitte verlagern die Handlung ständig in eine andere Zeit, an einen anderen Ort, an dem historische Details, Originalzitate berühmter Zeitgenossen und fiktive Begebenheiten aufeinandertreffen. Die imaginäre Person des Sekretärs personifiziert Klimts Zwiespalt zwischen freiem Wirken und politischer Notwendigkeit, bringt jedoch nur mehr Dunkel als Licht in den Tunnel des filmischen Geschehens. Der erotische Reigen verwandelt sich in ein Karussell aus Nichtigkeiten, Übernatürlichem sowie bourgeoisem Alltag, und wer hier wen und aus welchen Gründen bespitzelt oder zu verfolgen scheint, mündet beinahe in einer belanglosen und langweilenden Frage.

Das schillernd-flüssige Epochenporträt und die darauf folgende, verstörende Ziellosigkeit, bleiben stets eine Biographie, die uns den Künstler nicht auf herkömmliche Art und Weise versucht näherzubringen, sondern ihn mitunter sogar als paranoiden, lüsternen Spielball darstellt, der jüngeren Frauen nachstellt und die daraus entstehenden Nachkömmlinge über die Stadt verteilt. Nach den marktüberschwemmenden, ermüdenden Biopics ist Klimt eine durchaus erfrischende Auseinandersetzung mit dem Leben einer historischen Figur. Unter Umständen hätte Klimt ebenfalls Freude daran gehabt, seine Bilder in umgestalteter Form, für den Vorspann der mit Unmengen Blut und sexuellen Anspielungen überladenen Mangaserie Elfenlied verwendet zu sehen, deren Hauptcharaktere eine barbusige, genmanipulierte Killerin ist. Diese Modifikation seines Schaffens hätte dem Mann, der künstlerisch in die Moderne führen wollte, womöglich noch besser gefallen… 1970-01-01 01:00
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