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Kleinruppin Forever

D 2004. R: Carsten Fiebeler. B: Peer Klehmet, Sebastian Wehlings, Peter Kühne. K: Bernhard Jasper. S: Antje Zynga. M: Masha Qrella, Norman Nitzsche. P: Dirk Beinhold. D: Tobias Schenke, Anna Brüggemann, Michael Gwisdek u.a.
99 Min. Senator ab 26.8.04

Ostalgie

Von Mark Stöhr Eigentlich sah man schon wieder Licht am Ende des Tunnels und die Zeit gekommen, wo die DDR nicht mehr als kleines Utopia herhalten muß. Eigentlich hielt man es schon für allgemeinen Konsens, daß Teenager außer Dosenbier und Drüsenfieber unter Umständen noch anderes umtreibt. Eigentlich war man der Meinung, daß in einer Geschichte höchstens ein erzählerischer Notnagel zulässig ist und nicht deren zehn. Dieser Film belehrt uns eines besseren. Er watet in den letzten Lachen der Ost-Nostalgie-Welle und konjugiert das Genre der romantischen Teenagerkomödie als Fremdsprache.

Schon allein den Plot hält man kaum für möglich: Tim, ein verzogener Westpinkel-Sohn aus Bremen, trifft Mitte der 80er Jahre auf einem Schulausflug nach Kleinruppin in der DDR auf seinen ihm bis dato unbekannten Zwillingsbruder Ronnie und wird von diesem außer Gefecht gesetzt. Ronnie fährt daraufhin mit dem Bus zurück nach Bremen, Tim bleibt hängen im grauen Osten, und findet natürlich zunächst alles ganz schrecklich. Keine Cocktails, keine Pizzataxen, nur schnödes Schuften im VEB Trontec. Gut, daß er sich relativ zügig in die in der Tat bezaubernde Jana verliebt, dumm nur, daß er es trotz eines atemberaubenden Ko.-Tropfenanschlags in die lokale Schwimmauswahl schafft und mit dieser zu einem Wettkampf in den Westen ausreisen darf. Was soll nun aus der Liebe werden? Was aus den im Dorf neugewonnenen Freunden? Die Beantwortung solcher Fragen macht einem die Beine unruhig, vielleicht ist es aber auch nur die eskalierende Sehnsucht, dieser ganze Blödsinn möge endlich ein Ende haben.

Zumindest jedoch der Look sollte scheinbar internationalen Ansprüchen genügen und Zeugnis ablegen von hinreichender Budgetierung. Da wird die Kamera ohne Unterlaß auf Kräne gehoben und auf Schienen gestellt, damit nur ja jede Einstellung so von visuellem Esprit strotzt und den letzten Rest von Konzentration oder auch nur dramaturgischer Motiviertheit einbüßt. Da sind die Bilder in schickes Schwefelgelb getaucht, als böge im nächsten Moment der neue Ford Mondeo um die Ecke.

So war also der wilde Osten: Sollte irgendwann einmal der Weltklischeetag ins Leben gerufen werden, sei jedem Kleinruppin Forever als Dauerschleife wärmstens ans Herz gelegt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #35.
© 2012, Schnitt Online

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