— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Kleine Schwester

Zusje. NL 1996. R,B: Robert Jan Westdijk. B: Jos Driessen K: Bert Pot. S: Herman P. Koerts. D: Kim van Kooten, Hugo Metsers Ill, Roeland Fernhout, Ganna Veenhuysen u.a.
91 Min. Arsenal ab 17.4.97
Von Oliver Weiß »Hallo, kleine Schwester, ich komme dich besuchen.« Daantje weiß nicht genau, ob sie sich über die überraschende Ankunft ihres Bruders Martyn freuen soll, haben sich die beiden doch schon Jahre nicht mehr gesehen. Aber da ist noch etwas, was sie verwirrt: Martyn hat eine Videokamera mitten im Gesicht. Und diese Kamera filmt – unaufhörlich. Zusje macht sich damit von Anfang an zu einem einzigartigen Film, weil der Zuschauer nur das sieht, was Martyn filmt – nicht mehr und nicht weniger.

Daantje ist natürlich bald genervt von der Eigenart ihres Bruders, findet sich aber irgendwann damit ab. Martyns elektronisches Auge entblößt gnadenlos und ist für ihn gleichzeitig ein Schutz. Er filmt sie beim Schlafen, beim Kochen, beim Nichtstun, beim Sex. Die Kamera ist offen für alles, vorausgesetzt, es hat etwas mit Daantje zu tun. Und schon wird klar, daß Martyn auf mehr aus ist als nur auf Bilder. Er will das Geheimnis erklärt haben, welches die beiden vor vielen Jahren getrennt hat und seitdem verdrängt geblieben ist. Darüber hinaus versucht Martyn, seine Schwester aus ihrem gewohnten Leben zu lösen, und verwendet die Kamera als Werkzeug. Diese begnügt sich bald nicht mehr mit bloßem Zusehen, sondern greift immer mehr in die Handlung ein. Sie wird zum Machtinstrument, zum Vehikel der Wahrheit, ja, zur Waffe. Sie kippt, schlüpft unter Decken, wechselt die Besitzer und filmt gnadenlos und unaufhörlich weiter. Wer die Kamera besitzt, hat den Film in der Hand und erzählt selbst weiter.

Doch Daantje erkennt die Spielregeln als letzte. Erst als sie ihre große Liebe verläßt und sich mit der besten Freundin verkracht, scheint sie begriffen zu haben: Eine zweite Kamera taucht auf und nun muß Martyn spüren, was es bedeutet, auf der falschen Seite des Objektivs zu stehen. Trotzdem hat er seine kleine Schwester zum Schluß da, wo er sie haben wollte….

Aber keine Angst – das Ende ist versöhnlich. Denn schließlich ist auch ein Videoband vergänglich, und so landen die Aufnahmen, die das Leben zweier Menschen grundlegend veränderten, auf einem Flohmarkt, was mit Zusje ganz sicher nicht passieren wird. Die witzige und gekonnte Erzählweise, garniert mit ausgezeichneten Darstellern, machen den Film zu einem erfrischenden Erstlingswerk. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #06.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap