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Kleine Freiheit

D 2003. R,B: Yüksel Yavuz. K: Patrick Orth. S: Lars Späth. M: Ali Ecber. P: Stockhaus, Cotta Media Entertainment. D: Cagdas Bozkurt, Leroy Delmar, Nazmi Kirik, Necmettin Cobanoglu u.a.
99 Min. b.film ab 15.4.04

In der Ruhe liegt die Kraft

Von Carsten Tritt Seine guten Momente hat dieser Film, wenn er einfach beobachtet, ohne eine Geschichte vorantreiben zu wollen. Ohne vom eigenen Drehbuch behindert zu werden, gelingt dem Regisseur eine Milieustudie (Immigranten in St. Pauli), verliehen mit einem starken Grad an Glaubwürdigkeit, trotz des hölzernen Spiels der Laiendarsteller. In diesen weiten Teilen werden die handwerklichen Qualitäten des Stabs trotz Niedrigbudgets ausgespielt, kommen eine überlegte, sehenswerte Kamera und ein sensibler Schnitt zum Einsatz und kann der Regisseur vor allem den Figuren Raum zur Entwicklung lassen.

Umso ärgerlicher, daß dieser gute Eindruck an anderer Stelle wieder verspielt wird. Schwach ist nämlich die andere Hälfte, wenn die Figuren in die holprig geschriebene, konstruierte Handlung gezwungen werden: So wird der eine Illegale verhaftet, der andere verliert seinen Job, und der Kapitän ist tot. Autorenfilmer können ja so gemein zu ihren Figuren sein. Es schließt sich eine gemeinsame Verzweiflungstat von Hauptfigur und Drehbuchautor an, die sowohl dem Protagonisten als auch dem Film den Rest gibt.

Deutsche Arthausfilme haben bislang nur selten dadurch gewonnen, daß ihren Charakteren eine Schußwaffe in die Hand gedrückt wurde. Es ist gut 35 Jahre her, als Rolf Olsen mit nicht viel anderen Plots und vor denselben Spielorten kongeniales Mainstreamkino fabrizierte, weil er bewußt auf Plakativität statt Realismus gesetzt hat. Dieser Film hätte wohl funktioniert, wenn er auf Olsen verzichtet hätte. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #34.
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