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Die Klavierspielerin

La Pianiste. F/A 2001. R,B: Michael Haneke. K: Christian Berger. S: Monika Willi, Nadine Muse. M: Martin Achenbach. P: Wega Film. D: Isabelle Huppert, Benoît Magimel, Annie Girardot, Anna Sigalevitch u.a.
130 Min. Concorde ab 11.10.01

Tief ins Herz

Von Thilo Wydra Manchmal, in seltenen Kino-Glücksmomenten, da ist das so: Man sieht Bilder, die man so schnell nicht mehr vergißt. Hier sind es Bilder erst der latenten, dann der expliziten Gewalt, Bilder der Perversion, Bilder der Angst, Bilder der Sehnsucht, Bilder der Beklemmung vor allem. Christian Berger hat sie für Michael Haneke fotografiert. Nachdem Jürgen Jürges die letzten Filme des österreichischen Ausnahme-Regisseurs visuell gestaltete (Funny Games, 1997; Code unbekannt, 2000), kehrte Berger nun mit dieser Arbeit, der Klavierspielerin, zu Haneke zurück. Zuvor arbeiteten sie bei Bennys Video (1992) und 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls (1994) zusammen.

Schon immer mußte man bei Haneke besonders genau hinsehen und zuhören, Einstellungen ändern sich oftmals über etliche Minuten nicht, Plansequenzen dauern durchaus bis an die zehn Minuten, und über den Ton ist mitunter das Wesentliche aus dem Off zu hören, während die Kamera statisch verharrt, geradezu wie paralysiert. Hanekes Bilder sind Bilder der Provokation. In Funny Games werden Susanne Lothar und Ulrich Mühe im Off gequält, während die Kamera von Jürgen Jürges über viele Minuten in unveränderter Einstellungsgröße einen Teil des Wohnzimmers mit laufendem, blutbespritzten Fernseher zeigt. Nur der Ton verrät, was wirklich geschieht. Code unbekannt etwa beginnt mit einer neunminütigen Plansequenz, die in einer Pariser Straße in einer Halbtotalen gedreht wurde und aus mehreren Fahrten besteht. Michael Haneke hierzu: »Ganz ähnlich ist es in Funny Games, wo das Paar nach dem Tod im Wohnzimmer sitzt. Zehn Minuten lang. Eine ganze Filmrolle. Einfach immer bis zum Rollenende gedreht. Diese klassischen Kassetten gehen ja leider nur zehn Minuten… – Da ich zu jedem Film ein Storyboard mache, ist von vorneherein alles festgelegt, anders könnte ich meine Filme gar nicht machen. Alle Bilder-Auflösungen werden vorher gemeinsam von uns durchgegangen, aber im Grunde ist von mir alles vorgegeben. Ich glaube, das Wichtigste ist die Qualität des Lichts. Das ist bei der Kamera das Entscheidende. Aber ich weiß, daß es mühsam mit mir ist, da ich selten zufrieden bin. Als Kameramann hat man es mit mir nicht leicht, das sage ich ohne Koketterie.«

In Code unbekannt kommt die bezaubernde Juliette Binoche, die hier eine Pariser Schauspielerin spielt, in eine Art Probenraum, wo sie vor laufender Kamera gefilmt wird. Plötzlich scheint die Probe umzukippen, scheint der geschlossene Theaterraum zum realen Gefängnis zu werden. Alles ist in Binoches filigranem Gesicht abzulesen, die Panik, die langsam in ihr hoch steigt, und durch die bestimmte Stimme aus dem Off zu hören, die ihr zuvor noch die Regieanweisungen gab. Das ist in einer Einstellung gedreht: Minimalste äußere Bewegung, maximalste innere Bewegung. Auch in Hanekes Die Klavierspielerin nun sind solche Bilder, solche Einstellungs-Folgen enthalten. Auch hier wird die formale Reduktion voran getrieben, um ein Höchstmaß an innerer Bewegung zu erreichen. Und ganz ähnlich wie Jürges geht auch Berger sparsam mit seinen Mitteln um – kein Bild zuviel, kein Travelling, kein Panning, kein Perspektiv-Wechsel, auch kein Schnitt, die nicht wirklich und unbedingt nötig wären. Wie ein Seismograph ertasten die Haneke'schen Bilder die unterdrückten Perversionen der Menschen. Haneke-Filme, das sind Filme über die Abgründe des Menschen, Introspektionen, Seelenerkundungen.

Schlagen soll er sie. Und fesseln. So richtig ran nehmen, durchficken. Geknebelt, gefesselt, wehrlos. Und wieder schlagen. Unfähig, ihm das alles zu sagen, schreibt sie es auf. All ihre heimlichen, unausgelebten Phantasien, ihre Wünsche, Begierden, Sehnsüchte – schreibend liefert sie sich ihm aus. Schreibend befiehlt sie ihm, was er tun soll, und unterwirft sich ihm dabei. Suppression und Auslieferung als innere Parallelmontage, Dominanz und Devotheit. Sie heißt Erika Kohut (Isabelle Huppert), ist Klavierlehrerin am Wiener Konservatorium. Er heißt Walter Klemmer (Benoît Magimel), ist einer ihrer Studenten. Sie, Kopfmensch in den Vierzigern, lebt noch bei Muttern (Annie Girardot), einem tyrannisch klammernden Hausdrachen. Er, Bauchmensch in den Dreißigern, ist unabhängig, ist frei. Ob sie sich wirklich lieben, weiß man nicht. Wahrscheinlich wissen sie es nicht einmal selbst. Aber sie begehren sich, sind in einer geilen Absolutheit urplötzlich aneinander gekettet, voneinander abhängig. Sie von ihm, er von ihr. Reziprok. Symbiotisch. Fatalistisch. Fatal. Tödlich.

Mit Erika Kohut und Walter Klemmer erzählt Michael Haneke von zwei grundverschiedenen Menschen, von zwei Weltsichten, die scheinbar nicht kompatibel sind. Erika lebt das Leben einer Autistin, die ihre supprimierte Sexualität nur im Sex-Shop in der Videokabine »lebt«, die sich im abgeriegelten Badezimmer auf den Badewannen-Rand setzt und sich mit dem Rasiermesser ihre Genitalien verletzt. Das Blut läuft über das Weiß der Wanne. Keinen Mucks gibt sie bei dem Schnitt in ihr eigenes Fleisch von sich. Und draußen vor der Tür, da steht ihre Mutter, die fragt, was sie denn im Bad so lange mache. Außerhalb ihrer Musik nimmt Erika nichts wahr, außer ihrer sie drangsalierenden Mutter vielleicht. Manchmal, da drängt sich der Eindruck auf, daß Annie Girardots Mutter durch die Intelligenz der Huppert-Figur noch infantiler wirkt.

Neurotisch sind sie beide, in ihrem Verhalten gestört, Hupperts Erika vielleicht gar gespalten. Und Benoît Magimel, der zuletzt in Gérard Corbiaus barock-opulentem Der König tanzt (2001) zu sehen war, ist von den dreien wohl der »normalste«. Wenngleich die Verhältnisse schlußendlich umkippen, die Welt aus den Fugen gerät, Walter Erika schlägt, also genau das tut, worum sie ihn bat. Als er es schließlich tut, es nun allerdings nicht mehr sexuell konnotiert ist, da ist es schon zu spät. Für sie, für ihn, für beide. Da rennt sie dann späterdings in die Konzerthalle, steckt zuvor ein großes Küchenmesser in ihre Handtasche, und stößt es sich, als alle im Konzertsaal sind, allein im Foyer stehend in die linke Brust. Und ihr Aufschrei ist lautlos, stumm. Blutend geht sie aus dem Gebäude, erst noch folgt ihr Christian Bergers Kamera, dann friert sie in einer unbewegten Kadrierung den Foyereingang von außen ein. Es ist das Schlußbild, die letzte Einstellung. Ein kaltes Bild, ein scheinbar seelenloses: einfach nur der Eingang des Theaters am Abend.

Doch im Kopf-Kino läuft Hanekes Film noch weiter: Erika wird wohl durch das nächtliche Wien stolpern, blutend. Innerlich an ihrer Seele blutend, äußerlich an ihrem Körper blutend. Auch sie zerbricht an dieser Welt, in der immer Winter ist, wie schon ihre Mutter, wie vielleicht auch Walter. Im Roman heißt es am Schluß über Erika Kohut: »Das Messer soll ihr ins Herz fahren und sich dort drehen!« Das ist ganz wie bei Kafka, in seinem »Prozeß«, an dessen Ende über Josef K. steht: »Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte.« So nah sind sie sich nicht nur in diesem Moment. 1970-01-01 01:00

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