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Klang der Stille

Copying Beethoven. USA 2006. R: Agnieszka Holland. B: Stephen J. Rivele, Christopher Wilkinson. K: Ashley Rowe. S: Alex Mackie. P: Sidney Kimmel. D: Ed Harris, Diane Kruger, Matthew Goode u.a.
104 Min. Concorde ab 5.4.07

Holland in Not

Von Eleonóra Szemerey Vermag wohl eine Viertelstunde audiovisuellen Hochgenusses 104 Minuten geradlinige Absehbarkeit in historischem Ambiente rechtfertigen? Und kann sie dies überzeugender leisten, wenn sie die Verstärkung zweier kleinerer gelungener Umsetzungen leidenschaftlich gefühlter Musik als Rahmung bekommt? Oder muß Klang der Stille letztlich doch an seiner dramaturgischen Unausgefeiltheit, an den Leerstellen zwischen den Höhepunkten scheitern?

Sicher läßt sich darüber streiten, ob von Agnieszka Holland oder von Ed Harris mehr zu erwarten gewesen wäre, angesichts ihrer mehrfach bewiesenen Fähigkeit zur Umsetzung exzentrischer Künstlerfiguren, oder auch darüber, ob Diane Krugers Darbietung die Figur der Kopistin Beethovens über schmückendes Beiwerk hinaus zum ruhenden Gegenpol des aufbrausenden Genies erhebt oder doch nur schlichten Mangel an Ausdrucksfähigkeit beweist. Man kann auch Zeilen füllen mit der Bemängelung historisch inkorrekter Instrumentenwahl, der Unzufriedenheit über die schnelle Version der 9. Symphonie, oder dem Propagieren der These, daß eine Geschichte über eine talentierte Schülerin, die sich gegenüber einem egozentrischen Meister emanzipiert, zwangsläufig eine feministische sei. Aber warum all dies, wenn man auch über die großartige Musikinszenierung schreiben kann?

Durchaus erwähnenswert sind neben oben aufgeführten prominenteren Namen nämlich auch die Leistungen von Kameramann Ashley Rowe und Editor Alex Mackie, mit deren Hilfe es der Regisseurin gelingt, eine erhabene Musik filmisch anzugehen, die Leidenschaft Beethovens sowie das erwachende Gefühl seiner Kopistin in eine organische Collage von Meisterklängen und diese ergriffen ein- und beflügelt ausatmenden Bildern zu übersetzen – und die Götterfunken für kurze Zeit auf die Zuschauer überspringen zu lassen. Schon die ersten Minuten von Klang der Stille lassen ahnen, welche Macht Musik besitzen kann, wenn sie in eine Welt einführen, die sich in bebende, hier und da verschwimmende Bilder auflöst, die mehr und mehr dem Rhythmus einer gerade entstehenden Fuge gehorchen. Auf den kleinen grau-blauen Rausch folgt später eine Flut von warmen, kraftvollen, weniger hektischen und doch ekstatischeren visuellen Eindrücken, die die Idee von Schillers Ode, nach der Freude verbindet, was die Welt trennt, gekonnt umsetzen.

Während der Aufführung der 9. Symphonie, die einen großen Raum einnimmt und einer Liebesszene ähnlich aufgelöst ist, erleben wir, wie die Musik den dirigierenden Meister mit der assistierenden Kopistin vereint, indem die Kamera die Außenwelt immer mehr vernachlässigt, um sich ganz auf die freigesetzte Emotion zu konzentrieren. Die Bildfolgen schwellen mit den Klängen auf und ab, intensiv eingesetzte Unschärfen, Überblendungen, Reißschwenks und -zooms übersetzen die Hingabe an den Moment, geschickte Kadrierung und Montage ermöglichen, daß sich die Fingerspitzen von Genie und Schülerin im musikalischen Höhepunkt trotz räumlicher Entfernung in nahezu unwirklichen Gesten berühren.

Ein Jammer, daß sich diese Klimax mitten im Film befindet und nur eine große, enttäuschende Leere mit überraschend ungelenkem Ende hinterläßt. In dramaturgischer Hinsicht hätte sich Holland vielleicht ein Beispiel an ihrem Protagonisten nehmen sollen, dessen 9. Symphonie sich erst im letzten Satz zu einem fulminanten Ende steigert und das Werk unsterblich macht. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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