— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Kiss Kiss, Bang Bang

USA 2005. R,B: Shane Black. K: Michael Barrett. S: Jim Page. M: John Ottman. P: Warner, Silver Pictures. D: Robert Downey Jr., Val Kilmer, Michelle Monaghan, Corbin Bernsen u.a.
102 Min. Warner ab 20.10.05

Rauchzeichen

Von Patrick Hilpisch Pauline Kael hat 1970 den zweiten Sammelband ihrer »Reviews« mit einem lapidaren »Kiss Kiss Bang Bang« betitelt. Diese Schlagworte, die ihr einst von einem italienischen Kinoposter entgegensprangen, spiegeln laut der arrivierten Filmkritikerin auf höchst anschauliche Weise zwei der elementarsten Reize, die es vermögen, uns ins Kino zu locken. Gleichzeitig, so Kael, bergen diese Attraktionswerte ein hohes Maß an Enttäuschungspotential. Nämlich dann, wenn wir feststellen, daß, nachdem der Lippenstift abgewischt und der Pulverrauch verzogen ist, am Ende nichts weiter übrig bleibt als eine spektakulär inszenierte Oberfläche.

Die Grundlagen für spektakuläre Inszenierungen hat Shane Black während seiner langjährigen Tätigkeit als Drehbuchautor immer wieder geliefert. Vor allem sein Gespür für coolen Dialogwitz und die richtige Mischung aus Situationskomik und knallharter Action hat Filme wie Last Boy Scout oder die Lethal Weapon-Reihe zu erfolgreichen Vertretern ihres Genres werden lassen. Dabei hat er stets die Standards des Genres mitreflektiert, mit diesen gespielt, sie mal bedingungslos erfüllt, gedehnt oder ironisch gebrochen.

War seine kommerziell nur mäßig erfolgreiche Action-Komödie Last Action Hero bereits eine Fundgrube an intertextuellen Verweisen und augenzwinkernde Reflexion über die dem Genre innewohnenden Stereotypen und Dynamiken, so führt Black in seinem Regiedebüt diese Tendenz stringent weiter. Kiss Kiss, Bang Bang treibt das Spiel mit Genrekonventionen, Klischees und ironischen Brechungen auf die Spitze.

Wenn der Regisseur seinen Protagonisten, den naiv-sympathischen Kleinganoven Harry Lockhart, seine Erlebnisse aus dem Off kommentieren läßt, generiert er nicht nur einen »genretypischen« Erzählrahmen für den sich vermeintlich komplex entspinnenden Noir-Plot, sondern etabliert gleichzeitig eine Instanz, die ihre Erzählkompetenz immer wieder in Frage stellt, sie relativiert oder sich sogar korrigiert. Das beständige Innehalten, Zurückspringen, Antizipieren und Relativieren der Stimme aus dem Off wirkt sich hier nicht nur direkt auf das Bildmaterial aus, sondern verhindert dabei gleichzeitig eine oberflächliche, unreflektierte Rezeption des Gezeigten.

Neben dem intendierten Komikeffekt und der Möglichkeit, eine differenziertere Charakterisierung des Helden zu liefern, weisen die sich selbst hinterfragenden Auslassungen des Erzählers ständig auf die Fiktionalität des Gezeigten hin und decken somit offensiv die suggestiven Strategien filmischer Realitätsvorspiegelung auf, um sich wenig später wieder genau in eben jener zu verlieren. Diese selbstreflexive Reibungsfläche und Blacks einzigartiger Dialogwitz machen zweifellos den zentralen Reiz von Kiss Kiss, Bang Bang aus. Überhaupt stellt das Spannungsfeld zwischen Fakt und Fiktion eine zentrale Reflexionsebene des Filmes dar, die anhand unterschiedlicher Motivkomplexe (Dispositif Kino, Identitätskonstruktion, Projektion) durchgespielt wird.

In Kiss Kiss, Bang Bang eröffnen der Rekurs auf etablierte Genrekonventionen und Stereotypen sowie das von popkulturellen und filmhistorischen Zitaten durchdrungene Filmgewebe einen Assoziations- und Interpretationsspielraum, der im postmodernen Kino fast schon zum guten Ton gehört. Blacks Film leistet dies jedoch in einem solchen Maße, daß er durch seine ausgestellte Hyperreflexivität und sein hochaufgeladenes Zeichenreservoir in manieristische Tiefen abzutauchen droht und daß auf der Oberfläche nur noch das Kaelsche Kiss Kiss, Bang Bang übrig bleibt. Daß dies wiederum durchaus für einen kurzweiligen Kinoabend gut sein kann, steht außer Frage. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap