— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Kira

En Kærlighedshistorie. DK 2001. R,B: Ole Christian Madsen. K: Jørgen Johansson. S: Søren B. Ebbe. M: Øzvind Ougaard, César Berti. P: Danmarks Radio, Nimbus Film ApS, Zentropa Entertainments. D: Stine Stengade, Lars Mikkelsen, Sven Wollter, Peacheslatrice Petersen u.a.
92 Min. Arsenal ab 24.10.02

Einander aushalten

Von Thomas Waitz »Es geht um Liebe«, sagt Kira einmal. »Es geht darum, sich so aufzuführen, daß die anderen Menschen es mit einem aushalten«, sagt Mads. Um all das, was dazwischen liegt, geht es in Ole Christian Madsens Film.

Es scheint, als trete die Rezeption der Dogma-Filme in eine neue Phase: Nach dem vorherrschenden Interesse am filmischen Regelwerk selbst ist es, vermutlich nicht ganz unbeabsichtigt, mittlerweile zu einer Markenbildung gekommen. Dieser Vorgang hat aber weniger mit der äußeren Gestalt der unter dem Dogma-Etikett geführten Filme zu tun als vielmehr mit der Verwandschaft ihrer Topoi. Ihr Eintreten für eine Reduktion technischer Apparatur, der Rückgriff auf Techniken des Direct Cinema und eine dem Mainstreamkino konträre Ästhetik des »as large as life« scheinen hingegen fast zweitrangig. So mutet das Dogma-Kino letztlich nur wie eine mögliche Art unter vielen anderen an, einen Film zu machen, und fast zwangsläufig stellt sich die Frage nach der Angemessenheit des äußeren Gefüges für die jeweilige Fabel, so, als wäre die Form vom Inhalt ablösbar und das eine ohne das andere denkbar.

Bezieht sich der Regelapparat, den das Dogma-Manifest ausmacht, ausschließlich auf formale Aspekte der Gestaltung, zeigt sich – zumindest bei den dänischen Produktionen – die auffälligste Schnittmenge aller Filme im Bereich von Setting, Plot und Sujet, im genauen Beobachten menschlichen Verhaltens, einem Gefallen am Alltag gewöhnlicher Menschen oder in der stets wiederkehrenden Verhandlung bürgerlicher »Normalität«, sei es in von Triers Idioterne oder in Italiensk for begyndere. Interessant ist indes, daß Kira erstmals keine Familie oder deren Ersatz in den Mittelpunkt stellt, sondern ausschließlich um zwei Personen und ihre Liebe zueinander kreist. Eine Liebe, die hart erkämpft sein will.

Wenn Kira zu Beginn des Films von ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie zu Mads zurückkehrt, zu ihren beiden Kindern, in ein vordergründig sorgloses Leben bürgerlichen Wohlstands, dann liegt eine alles bestimmende Fremdheit und Unvertrautheit in ihrem Handeln. Fast erdrückend gerät der Wunsch, zurückzufinden in eine eigene, für die anderen handhabbare Existenz. Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Madsen von diesem Weg, der jeden Augenblick zu scheitern droht. Wenig wird geredet, noch weniger wird gesagt. Bewegend und schwer zu ertragen ist das manches Mal. Das, was der Film erzählt, erzählt er durch all das, was nicht zu sehen ist: wie in jenen wiederkehrenden, stummen Küssen der Liebenden, ihrem Sich-Hingeben in eine alle Bedenken beiseiteschiebende körperliche Liebe.

Und doch ist das, was aussieht wie Leidenschaft, am Ende bloß Sprachlosigkeit. Längst liegt ein Betrug zwischen den beiden, es folgt eine immer wieder aufbrechende Traurigkeit, die jegliche Versuche, sich in den Regelkanon der bürgerlichen Gesellschaft zu fügen, zum Scheitern verurteilt. Kameramann Jørgen Johansson findet für die Geschichte einen filmischen Ausdruck, der entgegen aller Vorurteile, mit denen gemeinhin der Handkamera begegnet wird, Bilder voller Präzision und Schönheit hervorbringt. Søren Ebbes Schnitt erzeugt eine aufs Äußerste reduzierte, verknappende Form der Narration, der oftmals Andeutungen genügen, mehr auszudrücken, als sich je sagen ließe.

Vielleicht ist es ja eine zutiefst menschliche Haltung, die den dänischen Dogma-Filmen gemein ist. Kira ist der mit Abstand schonungsloseste und ehrlichste unter ihnen. Am Ende, für einen kurzen Moment nur, scheint es möglich: ein ganz anderes Leben, das plötzlich denkbar wird, die Chance, sich noch einmal selbst neu zu erfinden. »Wenn du einen Grund für deine Krankheit nennen müßtest – was wäre das?«, wird Kira gefragt, und sie antwortet: »Ich war einfach traurig.« 1970-01-01 01:00

Abdruck

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