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Kinsey

USA 2004. R,B: Bill Condon. K: Frederick Elmes. S: Virginia Katz. M: Carter Burwell. P: Prok, Fine Line Features, Academy. D: Liam Neeson, Laura Linney, Chris O'Donnell, Peter Sarsgaard u.a.
119 Min. Fox ab 24.3.05

Vater der sexuellen Revolution

Von Melanie Balz Der Biographie des eigensinnigen und starrköpfigen Freigeists Alfred Kinsey (1894 – 1956) widmet sich das neue Werk des Independentfilmers Bill Condon (Gods and Monsters). Der Film zeigt das Wirken des Zoologen und Sexualanalytikers, der in den 40er Jahren mit seinen breit angelegten Studien zum Sexualverhalten der amerikanischen Bevölkerung nicht nur ein Pionier der empirischen Sozialforschung war, sondern auch das Verständnis menschlicher Sexualität grundlegend verändert hat; so gilt er bis heute als »Vater der sexuellen Revolution«.

Aufgewachsen unter dem harten Regiment eines erzkonservativen, sehr christlichen Elternhauses beginnt Kinsey seine Kariere als Wissenschaftler zunächst mit akribischen Untersuchungen an Gallwespen. Erst später und mehr durch einen Zufall beginnt er damit, sich mit dem Thema der menschlichen Sexualität methodisch auseinanderzusetzten, als er feststellt, wie sehr seine Studenten unter der vorherrschenden, mangelnden Aufklärung leiden. Er selbst hatte bis zu seiner Eheschließung keine eigenen Erfahrungen mit Sex, und er beschließt, der Unwissenheit Abhilfe zu schaffen und mit den Jahrhunderte alten Vorurteilen rund um diese Materie aufzuräumen.

Bei seinen empirischen Studien entwickelt er eine ganz neue Art der Herangehensweise, das Interview, das noch heute seine Anwendung findet. Durch weit über 18.000 anonym ausgefüllte Bögen mit über 500 wohldurchdachten Fragen wurde das sexuelle Verhalten der Probanden wertfrei ermittelt, von den persönlichen Hintergründen eines jeden, bis hin zu den Details der Ausübung und deren Vorlieben. Genau diese Interviewstruktur macht Condon zum Aufhänger des Films, zu dessen Beginn Kinsey selbst einem seiner Assistenten in einer simulierten Befragung Rede und Antwort steht. Mittels dieses eleganten Kunstgriffs zeigt der Regisseur und Drehbuchautor nicht nur das Leben Kinseys auf, sondern führt auch dessen Methodik geschickt ein.

Die Ergebnisse der Studienerhebung wurden erstmalig 1948 in dem bahnbrechenden Buch mit dem Titel »Sexual Behaviour in the Human Male« veröffentlicht, dem 1953 das Werk »Sexual Behaviour in the Human Female« folgte. Wo Homosexualität, Oralverkehr und Sex zwischen den Rassen vielerorts unter Strafe standen, ist nun zu lesen, daß hinter den eigenen vier Wänden der Mitmenschen Dinge wie Selbstbefriedigung, Homosexualität oder gar der voreheliche Beischlaf gar keine Seltenheit sind. Das bestehende Moralkorsett einer verlogenen US-Gesellschaft wird gesprengt.

Die Forschungsergebnisse waren jedoch nicht nur in den USA von großer Bedeutung, um die sexuelle Emanzipation voranzutreiben. Dargestellt sind allerdings auch die Probleme, die die Forderung nach freier Liebe und Sexualität mit sich bringt; der nach außen hin unantastbare Vater und Ehemann führte insgeheim selber ein Doppelleben als Bisexueller mit Neigungen zu Masochismus und drängt nicht zuletzt sogar seine eigene Ehefrau zu erotischen Experimenten: Denn – so seine Lehre – nur wer in der Lage ist, diesbezüglich alle gesellschaftlichen Zwänge und eigene Hemmungen abzulegen, kann seinen Wünschen und Bedürfnissen folgend glücklich werden; dabei außer Acht lassend, daß daneben etwas wie Liebe existiert, das all diese Forderungen zu Hülsen macht, kommt z.B. Eifersucht ins Spiel; so wird er das emotionale Opfer seiner eigenen Propaganda.

Nach einer längeren Spielpause ist Liam Neeson nun wieder in einer Rolle zu sehen, in der er eine reale Person spielt, wie schon in Schindlers Liste und Gods and Monsters. Neeson arbeitet sehr anschaulich die Tragik und Zerrissenheit der Person Kinseys heraus. Laura Linney ist als Ehefrau ein sehr schöner Kontrast zu dem durch und durch wissenschaftlich agierenden und besessenen Kinsey.

Bill Condon ist es mit seinem Film sowohl gelungen, das Porträt eines der bedeutendsten Wissenschaftlers des letzten Jahrhunderts zu zeichnen, reflektierend, daß es sich bei der Hauptfigur um einen teilweise recht schwierigen Zeitgenossen mit nicht unwesentlichen, sozialen Defiziten gehandelt hat, dem nichts wichtiger war als seine Arbeit. Gut gelungen ist der Spagat zwischen der Sympathiebekundung für Kinsey, ohne den eine sexuelle Befreiung wohl niemals stattgefunden hätte einerseits und seinen auch heute nicht haltbaren Ansätzen der Pädophilie als duldbare sexuelle Spielart. Diese werden zwar angesprochen, aber nicht vertieft, denn es ging bei dem Werk nicht darum zu werten oder zu urteilen, sondern vielmehr um die Erinnerung an einen oft mißverstandenen Pionier. 1970-01-01 01:00

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