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Kinderland ist abgebrannt

D 1997. R,B: Sibylle Tiedemann. B,K: Ute Badura. S: Inge Schneider. M: Loek Dikker.
90 Min. Ventura ab 23.4.98
Von Mark Stöhr NS-Geschichte war in letzter Zeit im Kino nur als Leinwandepos zu bekommen, in dem weniger die Geschichte als vielmehr die Story interessierte. Nun sollte man sich vor dem Trugschluß hüten, das dokumentarische Erzählen von Geschichte hätte nichts mit dem Erzählen von Geschichten zu tun, mit Bildersprache, mit Sinnlichkeit. Fakten, auf ihre Nachrichtenessenz formatiert, gebühren dem Fernsehen, und Dokumentarfilme handeln nicht in erster Linie von Fakten, sondern von der vielschichtigen, auch und gerade ästhetischen Lesbarkeit dieser Fakten. Sie haben mehrere Ein- und Ausgänge und brauchen den dunklen abgeschlossenen Kinoraum jenseits des Channel-Zappings nach links und rechts.

Auch Kinderland ist abgebrannt braucht diesen Raum und füllt ihn bis in den letzten Winkel. Es sind nicht allein seine Protagonistinnen, die Annelieses und Lores, die nach Jahrzehnten zum Klassentreffen in der süddeutschen Kleinstadt Ulm zusammenkommen und von ihrer gemeinsamen Schulzeit dort während der NS-Zeit erzählen, die den Film zu einem sinnlichen Vergnügen machen. Es ist vielmehr auch die Art, wie es Sibylle Tiedemann schafft, das Erinnerte – eine Kindheit in den 30er Jahren – »schmecken« zu lassen: Zwischen die Interviewpassagen montierte Archivbilder zeigen Kinder ausgelassen in der Donau spielend oder mit kindlichem Ernst in Jungvolkformationen marschierend, und die bewußte Verlangsamung dieser Bilder und der gleichzeitige Einsatz der Musik, die diesen Passagen den Charakter einer Traumsequenz geben, ziehen nicht nur das Nebelhafte des Erinnerungsvorgangs zwischen Realität und Fiktion nach, sondern auch das Märchenhafte des kindlichen Bewußtseins schlechthin, das sich nicht um Politik, Ideologie und Religion schert.

Daß dieser unbekümmerte Enthusiasmus dann spätestens '44 an der Flak endete, ist bekannt. Aber das kann uns Guido Knopp erzählen – dafür muß man nicht ins Kino gehen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #10.
© 2012, Schnitt Online

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