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Die Kinder des Monsieur Mathieu

Les Choristes. F/CH 2004. R,B,M: Christophe Barratier. B: Philippe Lopes-Curval. K: Carlo Varini, Dominique Gentil. S: Yves Deschamps. M: Bruno Coulais. P: Pathé Renn, France 2 Cinéma. D: Gérard Jugnot, François Berleand, Kad Merad, Marie Bunel u.a.
97 Min. Constantin ab 2.9.04

Erziehung im Chor

Von Constanze Frowein Der Name des französischen Heims ist trostlos: Im hochummauerten »Fond de l'Etang« leben vermeintlich unverbesserlich verzogene Kinder der Nachkriegszeit. Nur die Methode der unerbittlichen Härte als erzieherische Maßnahme kann die Schüler und deren aggressives Verhalten bändigen. So denkt zumindest Rachin, der Direktor der asketisch eingerichteten Erziehungsanstalt. Der Neuankömmling Mathieu bringt jedoch ein unvorhersehbares Durcheinander in die durch Kerker, Schläge und Verrat bestimmte Ordnung des Heimes. Mathieu allerdings ist kein Waisenjunge mit schlechter Erziehung sondern der neue Hilfslehrer ohne Verständnis für die Hierarchie und Härte in »Fond de l'Etang«. Wo gepetzt, gelogen und geheuchelt wird, will Monsieur Mathieu beweisen, daß mit Hilfe der Musik das Potential eines jeden einzelnen Internatsschülers zu Tage gebracht werden kann. Ein Chor wird gegründet und wenn auch nur langsam, scheint der Glaube des Musikerziehers in die Kindheit begründet.

Spätestens seit PISA ist die Debatte um die Wirksamkeit musischer Erziehung für das Lernverhalten junger Menschen wieder aufgeflammt. Regisseur Christophe Barretier trifft mit seinem Film Die Kinder des Monsieur Mathieu ins Schwarze der Gegenwart, wenngleich er betont, als zeitgenössischer Lehrer hätte der ungeschickt liebenswerte Lehrer Clément Mathieu heutzutage »ganz andere Prioritäten« gesetzt. Rap-Musik zum Beispiel. Auch der Spiegel 26/04 widmete sich der Frage nach der Bedeutung musischer Fächer für die Entwicklung von Kindern: Die Musik fördere das Rhythmusgefühl und Disziplin, diene dem Gefühl für die Gruppe und sich selbst und vor allem steuere sie der Verkrüppelung der Kommunikationsfähigkeit und der Aggressivität junger Menschen entgegen. All diese Punkte werden in Barretiers Film aufgegriffen. Immer stärker wächst das Selbstbewußtsein der jungen Sänger im anfangs so trostlos erscheinenden Gemäuer.

Der Film rührt mit musisch und filmisch synchronen Szenen, die die innerliche wie gesangliche Entwicklung der Knaben verfolgen. Die Frage nach der Gefahr der Verkitschung ist berechtigt. Der junge, an den unschuldig-hübschen Tadzio aus Viscontis Tod in Venedig erinnernde Pierre kann mit seiner stimmlichen Gewalt schon einmalige Grenzen der Versüßung erreichen, doch macht er das auch wieder verzeihbar, wenn ihm seine störrische Art und die Verzweiflung einer vereinsamten Kindheit ihre unglaubwürdige Reinheit nimmt. Eine weitere Fürsprache gilt der Tatsache, daß Regisseur Barretier in den Glauben an Menschlichkeit investiert und nicht in den Kanon über angebliche Unzulänglichkeiten heutiger Adoleszenten einstimmt. Sein autobiographisch geprägter erster Spielfilm plädiert für die ganzheitliche Systematik von Erziehung und den selbstkritischen Blick der Erwachsenenwelt. Barretier setzt mit seiner Adaption des Filmes La Cage aux rossignols nicht auf filmische Neuerung oder nie dagewesene Thesen. Sein Werk gilt der tiefgreifenden Bedeutung der Kindheit für das weitere Leben und der Besinnung auf die Unmöglichkeit ihrer Wiedergutmachung. 1970-01-01 01:00

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