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Killing Me Softly

USA 2001. R: Chen Kaige. B: Kara Lindström, Sean French. K: Michael Coulter. S: Jon Gregory. M: Patrick Doyle. P: Montecito. D: Heather Graham, Joseph Fiennes, Natasha McElhone, Ulrich Thomsen u.a.
100 Min. Universum ab 9.1.03

Laptop und Lederhose

Von Thomas Warnecke Lampions! Lampions sind definitiv chinesisch. Und so lockt der Held die Geliebte nicht mit Dollarnoten in seine Berghütte, sondern mit vielen bunten Lichtern, die ihr den Weg durch den finsteren Wald weisen. Aber dann: Ausgeklügelter Fessel-Sex? Den subsumiert die gesunde Halbbildung wohl eher unter Japan. Es führt zu nichts – Killing Me Softly läßt keine Rückschlüsse auf die Herkunft des Regisseurs zu. Wie das so geht in der Filmindustrie des Westens: Produzenten kaufen die Rechte an einer Buchvorlage, in diesem Fall den Thriller eines Autorenpaares mit dem Pseudonym Nicci French, buchen Heather Graham für die Hauptrolle, und die Verpflichtung eines renommierten Regisseurs aus China ist gleichsam das Sahnehäubchen für diejenigen, die sich Filme nach Regisseurnamen aussuchen.

Vielleicht hatten Ivan Reitman und Tom Pollock ja die lautersten Absichten, als sie Chen Kaige engagierten; hatten sich erhofft, seine farbsatte Magie und sein epischer Atem würden auch ihrem Projekt die höheren Leinwandweihen verleihen. Aber aus Lamm in Minzsauce wird auch ein Meisterkoch keine Pekingente süß-sauer zaubern.

Ein klassischer Genreplot: Blonde Unschuld begegnet geheimnisvollem Abenteurer, verfällt ihm rettungslos und heiratet ihn nach nur zwei Monaten, um dann beängstigende Entdeckungen beim Wühlen in seiner Vergangenheit zu machen. Genauer gesagt: Ihre Vorgängerinnen sind alle auf mysteriöse Weise umgekommen. Ist Adam Tallis nur der gefeierte Bergsteiger, Autor und Lebensretter und seine latente Aggressivität nur der Ausdruck von Wildheit eines extrem Lebenden, oder sollte sie sein nächstes Opfer in einer langen Reihe von Verführten und dann Verschwundenen sein? Hätte sie doch bloß nicht dieses verflixte Schrankschloß aufgebrochen… Kurze Zwischenfrage: Wie soll dieser unverwüstliche oder auch abgestandene Plot in Zukunft aussehen, wenn nur noch via elektronischer Medien Nachrichten ausgetauscht werden und unsere Unschuld also keine alten Briefe mehr finden kann? Bei unserm Adam Tallis mischt sich noch das Neue mit dem Althergebrachten – Laptop und Lederhose, sozusagen. Und neben das Alt- gesellt sich das Weithergebrachte; die Briten werden das Ende der Kolonialzeit wohl nie verwinden. Die Fotos von den Gipfeln des Himalaya und die tibetanischen Tempeldevotionalien ergeben einen seltsamen Mix mit den wenigen Szenen aus dem ewigen Eis gleich zu Beginn des Films und zwischendurch, die aussehen wie ein Fernsehspot für Abenteuerurlaub auf dem Kahlen Asten.

Was aber hat Chen Kaige dazu gebracht, einen Teil seiner Lebenszeit auf diesen Durchschnitt zu verwenden? Geld wäre eine Erklärung und natürlich die Möglichkeit, einmal im Westen zu arbeiten, doch mehr noch scheint es der Sex zu sein. Was ihm mit Gong Li zu tun wohl die heimische Zensur verbat, kann er ausgiebig mit Heather Graham machen: Ihre Brüste zeigen, wie sie sich mal schneller, mal langsamer beim Liebesspiel mit Joseph Fiennes bewegen, natürlich immer geschmackvoll ausgeleuchtet und delikat arrangiert (s.o.). Das chinesische Kino der letzten Jahre, wie es von Kaige und Zhang Yimou am prominentesten bei uns vertreten war, hatte unseren Augen immer genug Anmutiges und Aufregendes zu bieten. Hoffentlich kann der Westen in Zukunft Chen Kaige auch etwas bieten, etwas mehr als eine billige Thrillervorlage. 1970-01-01 01:00

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