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Kill Bill: Volume 2

USA 2004. R,B: Quentin Tarantino. K: Robert Richardson. S: Sally Menke. M: The RZA, Robert Rodriguez. P: A Band Apart. D: Uma Thurman, David Carradine, Michael Madsen, Daryl Hannah u.a.
136 Min. Buena Vista ab 22.4.04

Das Herz und das Auge

Von Daniel Bickermann Nach erster Ansicht des Films herrscht eine große, wenngleich euphorische, Ratlosigkeit. Man sollte sich vorsichtig an das Thema herantasten. Erstmal muß klar sein, worüber wir reden. Wir reden über Tarantino. Aber wer ist dieser QT eigentlich? Am einfachsten versteht man den Trubel um diesen Regisseur vielleicht, wenn man sich einen dieser verhaltensgestörten oder autistischen Jungen vorstellt – der aber so Klavier spielen kann, daß erwachsene Männer in Tränen ausbrechen. Oder der Garry Kasparov im Schach fertigmacht. Er ist der vielleicht begabteste Filmemacher der derzeitigen amerikanischen Generation, ein instinktives Naturtalent von beängstigendem Ausmaß. Und er ist gerade mal vierzig Jahre alt. Quentin ist ein Freak, wie er im Buche steht, und er weiß es.

Nun kann man ihm freilich vorwerfen, und nicht zu Unrecht, daß er nichts Profundes zu sagen hat, daß er nur die Filme wiederverfilmt, die er kennt – die aus der Videothek. (Und so ist das einzige Statement in Volume 2 die wenig überraschende Feststellung, daß der Bruce Lee der 70er Jahre unendlich viel cooler war als ein Keanu Reeves es jemals hätte sein können.) Vergessen darf man dabei aber keineswegs, daß er bei diesen Wiederverfilmungen einfach alles richtig macht. In gewisser Weise ist ein Talent wie Tarantino auch ärgerlich, wie alle Wunderkinder irgendwann lästig und ärgerlich werden. Die meisten tingeln eine zeitlang durch die Talk- und Freakshows im Fernsehen und werden dann schnell vergessen. Aber Tarantino hört einfach nicht auf, Filme zu machen.

Und, um uns Normalsterbliche noch mehr fertigzumachen: Er hört einfach nicht auf, uns zu überraschen. Sogar hier, beim zweiten Teil eines Großfilmes, dessen Charaktere wir schon kennen, dessen Ausgang wir uns sehr gut vorstellen können und von dem wir ohnehin glauben, alles schon mal gesehen zu haben, sogar hier erwischt er uns ständig auf dem falschen Fuß. Und es ist ein beängstigendes, prickelndes, großartiges Gefühl. In jeder einzelnen Szene benutzt Tarantino genau die richtigen Bilder, in jeder Sequenz fragt man sich geradezu entgeistert, wie er diesen Stimmungsbruch schon wieder hingekriegt hat, wo er diese Technik wohl aufgeschnappt hat und warum zum Teufel noch niemand vorher darauf gekommen ist. Er wolle, hat er einem Interviewer anvertraut, das Publikum durch alle Emotionen führen, die es unter der Sonne gibt. Daß daraus im ganzen kein Film wird, der nach herkömmlichen dramaturgischen Konzepten analysiert werden kann, ist keineswegs ein Fehler, sondern nur ein weiterer Anreiz, sich noch einmal in diesen Dauerlooping von roher Energie und genau getimten Brüchen hineinzusetzen, um auf der Suche nach einem neuen Konzept, das diese Wirkung erklären könnte, auch wirklich alles auseinanderzunehmen. In gewisser Weise ist Kill Bill Tarantinos Citizen Kane, in dem er nicht ohne einen gewissen Stolz alle Techniken zeigt, die er beherrscht.

Und die gezeigte Fülle ist, man kann es nicht anders sagen, durchaus beeindruckend. Nachdem Tarantino in Volume 1 schon den japanischen Film, den Italowestern und die rauhen Exploitationfilme der 70er ausgeschlachtet hat, ist dieses Mal der amerikanische Western dran (John Ford allüberall), die schwarzweißen und leicht makaberen 50er (Titel und Voice-over sind klassisches Billy-Wilder-Material), das chinesische Grindhouse Cinema und viele mehr. Warum das alles funktioniert, ist eigentlich unbegreiflich. Volume 2 ist wesentlich länger und fühlt sich gleichzeitig deutlich kurzweiliger an als der erste Film. Ihm fehlen die grandiosen Schlachten des Vorgängers, und doch wirkt er um ein vielfaches brutaler und blutiger (besonders die Konfrontation zwischen Thurman und Hannah, die sich auf kleinstem Raum gegenseitig zu Klump hauen, sollte als eine der gemeinsten und schmerzhaftesten Schlägereien in die Filmgeschichte eingehen).

Vielleicht ist es seine Liebe zu all diesen Genres, zu jedem einzelnen Motiv, das diesen Film so souverän über dem Wasser der Lächerlichkeit und Bedeutungslosigkeit hält. Vielleicht ist es auch seine bedingungslose Liebe nicht nur zu den Figuren, sondern tatsächlich zu den Schauspielern, deren Gesichter die Kamera mit kontemplativer Zärtlichkeit nach der kleinsten Regung absucht. Er hätte Uma doch auch einfach einen Blumenstrauß schicken können, anstatt ihr viereinhalb Stunden eine Liebeserklärung mit der Kamera zu machen, hat ein Kritikerkollege schnippisch angemerkt. Er vergaß dabei, daß Tarantino alle seine Schauspieler liebt. Michael Madsen darf nirgends so zart und vielseitig sein wie bei Tarantino.

Niemand kann sich vorstellen, aus welchem Loch er David Carradine ausgegraben hat und keiner weiß, wo sich Daryl Hannah die letzten zehn Jahre herumgetrieben haben mag, aber Tarantino liebt sie alle, und er liebt sie mit all seinen Sinnen. Es ist kein Zufall, daß sie durch einen Schlag ins Herz, respektive ins Auge, sterben läßt. (In seinem Symbolismus war er noch nie zimperlich, man denke nur an den abgehalfterten John Travolta, den er so sehr liebte, daß er ihn auf dem Klo erschießen ließ, eine Hommage auf den ebenfalls auf dem Locus dahingeschiedenen Elvis, den er noch viel mehr liebte.) Das sind die Organe, nach denen Tarantino in seinem unverhohlenen Kitsch trachtet, und bevor der Film vorüber ist, hat er beides bei den Zuschauern gewonnen, und keiner versteht, wie er das nun wieder gemacht hat. Man wird ihn sich wohl noch ein paar mal anschauen müssen. 1970-01-01 01:00
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