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Kick it like Beckham

Bend It Like Beckham. GB 2002. R,B: Gurinder Chadha. B: Paul Mayeda Berges, Guljit Bindra. K: Jong Lin. S: Justin Krish. M: Craig Pruess. P: BskyB, Bend it Films, Brithish Screen, Film Council, Filmförderung Hamburg, Helkon Media, Kinotop Pictures, Road Movies Filmproduktion, Roc Media, Works and Future Film Financing. D: Parminder K. Nagra, Keira Knightley, Jonathan Rhys-Meyers, Anupam Kher, Archie Panjabi u.a.
112 Min. Highlight ab 3.10.02

Paß in den freien Raum

Von Achim Wetter Mit ungeahnter Rasanz katapultierte sich im Westen in kürzester Zeit der mehr oder weniger originäre Bollywood-Unterhaltungsfilm einer Riege international erfolgreicher indischstämmiger Filmemacher aus dem Schattendasein urlaubsromantischer Exotikfestivals und bunter Asien-Wochen. In den 80ern und 90ern noch ordneten sich die sogenannten »Non-Residential-Indians« ganz dem Primat der bildästhetischen Perfektion im westlichen Mainstream unter und beschränkten sich inhaltlich entweder auf sozialkritische Reflexionen der subkontinentalen Identität oder auf die Verfilmung gängiger Indien-Klischees. Gurinder Chadha hingegen erhebt in ihrer Feel-Good-Komödie Kick it like Beckham die kulturelle Differenz im neuen Heimatland zum zentralen Leitmotiv ihres dritten Kinofilms – und gibt damit eine neue Stoßrichtung vor.

Sorgfältig wird um die 18jährige Hauptfigur Jess ein liebenswerter familiärer Kontext gestrickt, in welchem es von dramaturgischen Zündschnüren nur so wimmelt: Die junge Frau will ihr fußballerisches Talent entgegen den wohlwollend-kleinbürgerlichen Vorstellungen der eingewanderten Eltern nicht länger an eine im Park kickende Horde von Vorstadtmachos verschwenden und träumt von einer Karriere als Profifußballerin. Während die ältere Schwester und deren überdrehte Freundinnen die Gepflogenheiten einer nach wie vor streng patriarchalisch geprägten Sozialstruktur mit offensichtlicher Hingabe quasi übererfüllen, führt Jess – gefangen zwischen indischer Tradition und englischer Realität – intime Zwiegespräche mit einem Beckham-Poster an der Zimmerdecke. Als sie in der gleichaltrigen Jules eine fußballbegeisterte Verbündete findet, die Jess ohne Wissen der Eltern in einer Frauenfußballmannschaft unterbringt, wird ihr emanzipatorisches Dilemma größer und größer.

Die radikale Polarität, die bei der Besetzung der schlaksigen Keira Knightley als englisches Pendant zur geschmeidigen Hauptdarstellerin Parminder Nagra den Ausschlag gegeben haben muß, multipliziert sich über sämtliche Charakterzeichnungen mit einer derartigen Stringenz bis in kleinste Ausstattungsdetails hinein, daß einem ob des dargebotenen Konfliktpotentials zuweilen Angst und Bange wird. Am anschaulichsten vielleicht im über allem thronenden Konterfei des bärtigen Familiengurus an der Wohnzimmerwand, das der Beckham-Ikone trotzig die Stirn bietet. So trotzig etwa wie Gurinder Chadha diese britisch-deutsche Koproduktion nach dem strukturellen Konzept einer Bollywood-Komödie inszeniert und dabei ohne falsche Bescheidenheit integrale Bestandteile der englischen Arbeiterkomödie verarbeitet.

In Kick it like Beckham präsentiert sich auf äußerst charmante Weise das amalgamierte Produkt einer neuen vielversprechenden Kinokultur, die sich vom indischen Mutterland gelöst hat und – ortlos geworden – mit ihrem traditionellen filmischen Vokabular offensiv Assimilation betreibt. Die für eine Bollywood-Komödie unvermeidlichen Tanzeinlagen werden ohne Mühe durch poppig aufbereitete Fußballsequenzen ersetzt, und das große musikalische Finale in einer bombastisch-schrillen Hochzeitsfeierlichkeit geradezu zelebriert. Zeigt sich der westliche Kinogänger bereit, die zuweilen unerbittlich harmonisierende Dramaturgie als genrespezifisches Stilmittel seinen Sehgewohnheiten einzuverleiben, besteht kein Zweifel, daß sich diese Spielform langfristig als ernstzunehmende Konkurrenz zur westlichen Mainstreamkomödie etablieren wird. 1970-01-01 01:00

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