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Der Kick

D 2006. R: Andres Veiel. K: Jörg Jeshel, Henning Brümmer. S: Katja Dringenberg. P: nachtaktivfilm, Journal Film Volkenborn KG, ZDFTheaterkanal.
82 Min. Piffl Medien ab 21.9.06

Im Dickicht der Biographien

Von Tamara Danicic Mit Urlaubsidylle allüberall wirbt die »im Herzen der Uckermarck« gelegene brandenburgische Gemeinde auf ihrer Homepage. Doch seit dem 13. Juli 2002 geht ein tiefer Riß durch die heile Welt. Die beiden Brüder Marco und Marcel Schönfeld sowie ihr Bekannter Sebastian Fink malträtierten und töteten den 16jährigen Marinus Schöberl durch einen »Bordsteinkick«, den sie sich im Film American History X abgeschaut hatten. Dabei war Marinus, der seine Täter kannte, noch nicht einmal ein prädestiniertes Opfer rechts motivierter Gewalt. Er war weder Farbiger, Asylbewerber oder Jude noch »Linker«. Die beiden Schönfeld-Brüder kamen aus einem halbwegs intakten Elternhaus, der Jüngere hatte gerade eine Lehre begonnen. Alle schnell bei der Hand liegenden Erklärungsmuster griffen somit zu kurz.

Der Dokumentarfilmer Andres Veiel hat zusammen mit der Dramaturgin Gesine Schmidt aus zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen und Mitbürgern sowie aus Vernehmungsprotokollen und Gerichtsunterlagen eine Textcollage entworfen, die das Ungeheuerliche in den Griff zu bekommen versucht. Die beiden Darsteller Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch teilen sich fast 20 Rollen, die weder entlang der Demarkationslinie Täter/Opfer noch nach Geschlechtszugehörigkeit aufgeteilt sind. Die Mutter des Opfers, der Bürgermeister, Marcos Freundin, die beiden Schönfeld-Brüder selbst – alle kommen zu Wort.

Nach einer Weile muß die jeweils sprechende Figur nicht mehr eingeführt werden, schnell lernt man, Körperhaltung und Duktus zu lesen. Viel mühsamer jedoch ist es, sich an der Vielzahl widerstreitender Informationen, Interpretationen und Emotionen abzuarbeiten. Im Gesamtbild, das durch die verschiedenen Aussagen entworfen wird, bleiben Unschärfen. Und das ist gut so. Denn so zu tun, als ließen sich einfach die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen sortieren, wäre schlichtweg verlogen. Statt Kausalketten zu konstruieren, will Veiel mit seinem Film Fragen aufwerfen, indem er uns ins Dickicht der Biographien schickt. Der Pluralität der Reden stellt er eine Reduktion der Mittel gegenüber: zwei schwarz gekleidete Schauspieler in einer kargen Gewerbehalle. Ihre Kleidung (Langarmshirt, Turnschuhe, Kapuzenshirt, Schnürstiefel) weckt Assoziationen, ist aber nicht eindeutig konnotiert. Möglichst wenig soll von dem ablenken, was sie mittels Worten, Gesten und Mimik zu sagen haben.

Der Kick geht damit einen Schritt weiter als Thomas Schadts und Knut Beulichs Film Amok in der Schule – Die Tat des Robert Steinhäuser, der sich auf die Spurensuche des Erfurter Amoklaufs im Mai 2002 begibt. Wo Schadt und Beulich aus Rücksicht auf die Angehörigen des Täters deren Aussagen von Schauspielern lesen lassen und dazu Bilder finden, die thematisch im Zusammenhang mit dem Gesagten stehen, verbietet sich Veiel jede Art der Bebilderung. Indem der Film von den realen Protagonisten abstrahiert, hebt er den »Fall Marinus« aus seiner ganz konkreten Verankerung und macht ihn zum exemplarischen zivilisatorischen Sündenfall. Jeder hätte das Opfer sein können – und vielleicht sogar ein Täter.

Romuald Karmakar schließlich dreht, wie auch schon im formal ähnlichen Himmler-Projekt, in den Hamburger Lektionen die Schraube noch ein Stück weiter. Dank der verstörend nüchternen Intonation des vortragenden Manfred Zapatka (der in keinem Moment den Reichsführer SS Heinrich Himmler »darstellt« und dies auch im Falle von Mohammed Fazazi nicht tut) ist man völlig auf den in seiner inneren Logik bloßgelegten Text zurückgeworfen. Auch dieser zieht Fragen nach sich, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Karmakar und Veiel verbindet, daß beide – jeder auf seine Weise – dem Zuschauer etwas zumuten. Und auch das ist gut so. 1970-01-01 01:00
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