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Ken Park

USA 2002. R,K: Larry Clark, Edward Lachman. B: Harmony Korine. S: Andrew Hafitz. P: Cinea, Kees Kasander. D: James Ransone, Tiffany Limos, Stephen Jasso, James Bullard u.a.
92 Min. Independent Partners ab 22.7.04

Tahiti Blues

Von Christoph Pasour Pitcairn ist eine winzige Insel, ein Paradies irgendwo zwischen Neuseeland und Südamerika. Fletcher Christian und seine Meuterer brannten hier 1789 die »Bounty« nieder und besiedelten mit ihren tahitianischen Frauen das Eiland. Vor kurzem war in der Zeitung zu lesen, daß einige der 45 Nachkommen Christians gerade wegen Mißbrauchs und Vergewaltigung in Neuseeland vor Gericht stehen.

»Was immer entschieden wird, es wird uns alle betreffen, weil wir sowohl mit den Opfern als auch mit den Tätern verwandt sind«, wird eine Inselbewohnerin zitiert.

Peaches ist nackt und sieht mit der Blume im Haar aus wie eine dieser Südseeschönheiten auf den Bildern von Gauguin. Claude, Shawn und Peaches ziehen sich in ein Appartement zurück und haben Sex. Der Sex ist schön und frei. Man könnte das für Liebe halten.

Larry Clark beschließt sein radikales Kleinstadtdrama mit einer scheinbar versöhnlichen Sequenz und öffnet einen utopischen Horizont in einem Leben, das die Hölle ist.

Shawn, Claude, Peaches, Tate und Ken Park leben in Visalia, Kalifornien. Dieser Hort der Kleinbürgerlichkeit ist ein Abgrund von Dekadenz und Verfall. Sexueller Mißbrauch, Gewalt, Autoaggression und Kommunikationsunfähigkeit haben jede Familie wie ein bösartiges Geschwür zersetzt.

Nichts weiter skizziert Clark in seiner episodenhaften, sehr offen gehaltenen Erzählung, und dabei rückt er erneut die Teenager in den Mittelpunkt. Weil sie noch mehr Wunden als Narben tragen, treten bei ihnen die Probleme wie im Brennglas zutage. Ken Park etwa zieht als erster die Konsequenzen. Gleich zu Beginn des Films jagt er sich eine Kugel durch den Kopf. Tate wird nach einem Blutbad erst im Polizeiauto dieser Welt entkommen. Ein finsterer, hermetischer Kosmos, aus dem nur bedingungslose Gewalt führt.

Clarks Film ist weit von Sozialrealismus entfernt, denn dafür ist sein Ansatz zu radikal. Er entwirft eine Metapher für den Stillstand einer Gesellschaft, die autistisch weder den Weg zu sich selbst noch nach außen findet. Verzweifelt und ratlos greift man nach dem, was man zu verstehen glaubt und Nähe verspricht: den Körper und die Formen der Sexualität. Das rituelle, völlig pervertierte Wiederholen der Kontaktaufnahme offenbart das stete Fehlschlagen dieser Annäherungsstrategie, den Leerlauf. Darum spielen Masturbation und Inzest so eine große Rolle. Sie haben nicht nur eine starke metaphorische Kraft.

In einer Gesellschaft, die die Leere über die Formen der Sexualität zu bewältigen versucht, können sie, müssen sie unmittelbar übersetzt werden. Man mag manche Episoden, etwa Peaches sexuelle Eskapaden als Reaktion auf ihre prüde Erziehung, zwar als einfallslos abtun. Vielleicht zu Recht. Innerhalb der Konzeption des Films ist der Aspekt der Originalität nicht sonderlich erheblich. Aber jeder Moment expliziter Sexualität ist gerechtfertig. Dem masturbierenden und sich strangulierenden Tate bis zum bitteren Höhepunkt zusehen zu müssen, unterläuft den intellektuellen Sicherheitsabstand. Clarks Anliegen ist keine Salonkritik.

Natürlich ist der Körper als Kampfplatz fehlgeschlagener Kommunikation ein gängiger Topos. Doch Ken Park ist von tiefer Traurigkeit über den stillen und rätselhaften Tod dieser Gesellschaft geprägt, die doch alles zum Glück hat: blauen Himmel, fruchtbare Felder, hübsche Häuser. Mittel- und Unterschicht, unterschiedliche Ethnien und verschiedene Generationen leben Seite an Seite. Das ist Visalia, im Herzen des San Joaquim Valley, auf halber Strecke zwischen Los Angeles und San Francisco. Doch im Kernland globaler Vernetzung sind die Menschen Stammesangehörige, denen das Paradies zur Hölle geworden ist, weil sie im inzestuösen Wiederholungszwang gefangen sind – vom »Außen« entkoppelt, nicht anders als Christians Nachfahren auf Pitcairn, die 3.000 Seemeilen vom nächsten Festland trennt.

Und so ist Clarks Schlußsequenz der drei Liebenden nur scheinbar versöhnlich. Ein utopischer Moment, jedoch innerhalb derselben zirkulären Beziehungsstruktur. Abzuhauen, das ist nur Ken Park gelungen. 1970-01-01 01:00

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