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Keine Sorge, mir geht's gut

Je vais bien, ne t'en fais pas. F 2006. R,B: Philippe Lioret. K: Sascha Wernik. S: Andrea Sedlácková. M: Nicola Piovani. P: Nord-Ouest Productions, France 3 Cinéma, Studio Canal u.a. D: Melanie Laurent, Kad Merad, Isabelle Renauld, Julien Boisselier, Aïssa Maïga u.a.
100 Min. Prokino ab 22.3.07

Kinozauber

Von Arezou Khoschnam Es ist nicht einfach, über einen Film zu schreiben, der einen verträumt und verzaubert im Kinosessel zurückläßt. Denn genau dies ist die treffende Wortwahl für die Wirkung von Philippe Liorets Film Keine Sorge, mir geht's gut. Einem Magier gleich, der seine Tricks so reibungslos vorführt, daß der Zuschauer sprachlos und verblüfft zurückbleibt, sich fragend, wie das eben Gesehene nur möglich sein kann, belegt die französische Produktion den Zuschauer mit einem Zauber, den man heutzutage nur noch selten auf der Leinwand antrifft.

Dennoch gibt es offensichtliche Elemente, die die Qualität von Liorets äußerst subtiler Regiearbeit maßgeblich mitformen. Hier also ein erster Annäherungsversuch. Als erstes ist die wunderbare Mélanie Laurent zu erwähnen, die hier in ihrer ersten Kinohauptrolle zu sehen ist. Ich denke nicht, daß es übertrieben ist, dieser Jungschauspielerin enormes Talent zuzusprechen und sie eine Riesenentdeckung für den französischen Film zu nennen. Ihr Gesicht spiegelt in einer einzigen Szene wider, was für einen Charakterschauspieler unverzichtbar ist: Leid, Zerbrechlichkeit, Verletzlichkeit, Mut und Stärke. Ohne je aufdringlich zu wirken, entwickelt ihre Mimik eine solche Sogkraft, daß man sich in ihrem Gesicht verlieren möchte.

Der bis zum Schluß gekonnt in Szene gesetzte Spannungsaufbau ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung sowie der Titelsong »Lili«, der zu Recht an die Spitze der französischen Charts stieg. Hier stimmt einfach alles, und vermutlich liegt das Qualitätsgeheimnis des Films in der Zusammensetzung der genannten und anderer Elemente, die sich perfekt ergänzen, aber mehr sind als nur die Teile eines harmonischen Ganzen.

Das Verblüffende an der ganzen Sache ist der Plot, der, obwohl extrem schlicht, den Zuschauer zu fesseln vermag. Die Handlung ist in nur wenigen Worten erzählt: Die junge Lili erfährt nach ihrem Urlaub vom Verschwinden ihres Zwillingsbruders Loic. Als dieser, der angeblich nach einem heftigen Streit mit dem Vater das Elternhaus verlassen hat, auch nach langer Zeit kein Lebenszeichen von sich gibt, stürzt Lili in eine Lebenskrise. Erst als ihr Bruder ihr in regelmäßigen Abständen aus immer anderen Regionen Frankreichs Postkarten zuschickt, geht es ihr ein wenig besser. Doch sie gibt die Suche nicht auf.

Bis auf die Aufklärung am Schluß – um dessen Geheimhaltung ausdrücklich gebeten wurde – ist dies der Faden, an dem sich das Drehbuch äußerst effektiv entlangzieht, ohne je beim Zuschauer Langeweile aufkommen zu lassen. Erstaunlicherweise war es mir am Ende gar nicht mehr wichtig, hinter das Geheimnis von Loics Verschwinden zu kommen, da mich Mélanie Laurent in der Rolle der Lili ganz in ihren Bann gezogen hatte.

Der Film thematisiert die Frage, wie wir mit der Ungewißheit leben und beantwortet sie folgendermaßen: Ohne eine Erklärung können wir nicht weitermachen. Ungewißheit kann tödlich sein. Nicht aber im Fall von Keine Sorge, mir geht's gut. Ich werde mir diesen Film definitiv noch mal anschauen. Nicht, um hinter das ganze Geheimnis seines Zaubers zu kommen, sondern um mich erneut verzaubern zu lassen. Mehr kann man als Zuschauer von Kino nicht verlangen. 1970-01-01 01:00
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