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Keine Lieder über Liebe

D 2005. R,B: Lars Kraume. K: Sonja Rom, Alexa Ihrt. S: Barbara Gies. M: Marcus Wiebusch, Thees Uhlmann, Max Martin Schröder, Reimar Bustorff. P: Film1. D: Florian Lukas, Jürgen Vogel, Heike Makatsch, Monika Hansen u.a.
101 Min. Film1 ab 27.10.05

Im Tourbus nach dem Happy End

Von Vera Schroeder Lars Kraumes Keine Lieder über Liebe ist ein Musikfilm über einen Dokumentarfilm – und ein Liebesabschiedsfilm.

Das Liebespaar sitzt angespannt auf einem schäbigen Hotelzimmerbett und kommt endlich zur Sache: »Glaubst Du, daß wir uns irgendwann trennen?«, fragt Tobias. »Ich gehe davon aus«, antwortet Ellen. »Und, warum bist du dann mit mir zusammen?« – Ellen wendet sich ab, kauert sich auf der Matratze zusammen und flüstert: »Weil ich hoffe, daß es nicht so kommt.«

Wahrheit kann Liebe kosten. Doch noch schlimmer sind Lügen, die man sich selbst glaubt. Kennen Sie zwei Menschen, die sich wirklich nahe sind? Keine Lieder über Liebe ist ein Film über das Ende einer Liebe. Er beginnt da, wo das Kino meistens schon lange aufgehört hat: Jahre jenseits des ersten Kusses, im undefinierbaren Moment des Verdachts, der »Verachtung«, die sich in die Liebe einschleicht, wenn das Vertrauen schwindet und der Kampf beginnt. Und es ist ein Film über das Filmen, über die Suche nach Authentizität durch die Kamera und die Selbstverständlichkeit des permanenten Scheiterns dabei. Es ist ein Spielfilm über Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm, ein Musikfilm, eine Dreiecksgeschichte und ein Liebesabschiedsfilm – und all das paßt ziemlich gut zusammen.

Tobias, der Regisseur sein will, liebt Ellen und seinen Bruder Markus, den Sänger der Indieband »Hansen«. Für einen Dokumentarfilm will er »Hansen« auf ihrer Tour begleiten, mit Freundin Ellen und dem Verdacht im Gepäck, daß sie und sein Bruder Markus sich schon einmal näher gekommen sind. Der dokumentarische Fokus verschiebt sich von der Musik- zur Dreiecksgeschichte, schon bald sind die Schrammelclubs und ihre angeasselten Backstageräume nur noch Kulisse für Markus, Tobias und Ellen und ihre unbeholfenen Versuche, den Lauf der Dinge umzudiskutieren.

Kraumes Trick, der uns ganz nah an die Liebeskämpfer heranführt, ist das Spiel mit dem Film im Film. Dadurch, daß wir die Szenen durch die Linse der auch in der fiktiven Geschichte vorhandenen Videokamera sehen, erhält der improvisierte Grundton eine Berechtigung, wie sie schon lange kein Handkamerafilm mehr hatte. Jürgen Vogel, Heike Makatsch und Florian Lukas oder eben Markus, Ellen und Tobias arbeiten sich von Szene zu Szene voran, sie spielen, zieren sich, versuchen cool zu bleiben und endblößen sich dabei oft erst recht. Durch die bewußte Filmsituation im Film wirken die unausgefeilten Gespräche, das laienhafte Herumpsychologisieren und die heimlichen Zickereien, nicht peinlich sondern ehrlich, es ist die natürliche Verkrampfung vor der Kamera, die immer wieder sichtbar wird, die theatrale Suche nach Pointen vor der Linse und das andauernde Scheitern daran. Wenn Ellen minutenlang mit Tobias aneinander vorbei diskutiert, ob es nun besser ist, als Frau fremd zu gehen, wenn man sich ein bißchen verliebt hat, oder als Mann, nur um »irgendwo seinen Dödel reinzustecken«, dann wirkt diese Diskussion deswegen nicht sinn- und ergebnislos, sondern vor allem vertraut, weil man weiß, daß die Unterhaltung eben nicht ein fiktiver Drehbuchdialog eines Spielfilms ist, sondern das ungeschnittene Material für den beobachtenden Dokumentarfilm im Film. Keine Lieder über Liebe wird so auch zum Porträt einer ununterbrochen visuell dokumentierten Generation, die sich abstrampelt, um dabei locker und gehaltvoll zu wirken und sich gerade deshalb andauernd verliert.

Und Kraume setzt noch einen drauf. Er mischt die Ebenen zwischen Fiktion und Wirklichkeit nicht nur inhaltlich (»Wieviel Wahrheit verträgt Liebe?«) oder erzähltechnisch (durch den Film im Film), sondern auch außerhalb des Sets und des Kinosaals. Die fiktive Band »Hansen« wurde mit echten Musikern der Hamburger Schule (aus dem Umkreis von »Tomte« und »Kettkar«) gegründet, Markus kam als fiktiver Sänger hinzu, dann ging die Band ganz real mit Jürgen Vogel auf Tour. Die norddeutschen Clubs gibt es, die Kopfnicker im Publikum des Films sind Statisten, doch bei der Premierenfeier während der Berlinale trat »Hansen« auf – und das reale Berliner Publikum nickte. Daß dieses Ebenen-Spiel während des Films in keinem Moment verwirrt, sondern alles ganz selbstverständlich ineinander paßt und die Geschichte doch immer im Vordergrund bleibt, ist eine große Leistung des Projekts.

Irgendwann im letzten Drittel des Films will Tobias, daß Ellen nach Hause fährt. An einem Parkplatz in der Provinz schmeißt er sie aus dem Tourbus, sie steht mit dünnen Beinen in Pumps zwischen ihren Koffern, es sieht kalt aus, und so fühlt es sich auch an. Sie weint, Markus versucht, hilflos zu schlichten, doch auch er weiß, daß es so besser ist. Die Jungs gehen, sie kann nichts dagegen tun. Der Bus fährt ab, das Mädchen steht verlassen im Kies, packt die Koffer und stöckelt heulend, allein, aber entschlossen davon. Es ist der Moment, indem Liebe der Wahrheit weicht. Am Ende ist jeder allein, und seine Koffer muß man selbst tragen können. 1970-01-01 01:00
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