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Der Kaufmann von Venedig

The Merchant of Venice. GB/I 2004. R,B: Michael Radford. K: Benoît Delhomme. S: Lucia Zucchetti. M: Jocelyn Pook. P: Avenue, Navidi-Wilde, Spice Factory. D: Al Pacino, Jeremy Irons, Joseph Fiennes, Lynn Collins, Zuleikha Robinson u.a.
131 Min. Sony ab 21.4.05

Werktreue Behutsamkeit

Von Dietrich Brüggemann Mal wieder ein Film, der in Deutschland nicht entstanden wäre – und diesmal zur Abwechslung nicht wegen Stars oder Geld, sondern schlicht wegen seines Themas. Shakespeares »Kaufmann von Venedig« ist ein Theatertext, der für antisemitische Lesarten zumindest so offen ist, daß man ganz allgemein und in Deutschland sowieso lieber einen großen Bogen um ihn macht. Bei der Übertragung ins andere Medium gewinnt dieses Problem noch an Schärfe, da der Film durch seinen Illusionscharakter und die distanzlose Überwältigung des Publikums ein deutlich größeres demagogisches Potential besitzt.

Regisseur Michael Radford, dem breiten Publikum bekannt durch den Ferien-Feelgood-Film Il Postino, trifft möglicherweise die cleverste Entscheidung, indem er das Problem einfach komplett ignoriert. Er kürzt den Text mit werktreuer Behutsamkeit auf kinotaugliche zwei Stunden und ersetzt die Theaterinszenierung durch Kamera und Schnitt – fertig ist der Film. Das ganze Gewicht der Interpretation, der inhaltlichen Stellungnahme, liegt damit bei den Schauspielern, genauer gesagt beim Darsteller des Shylock – und hier kommt Al Pacino, der alte Shakespeare-Freund, wieder ins Spiel. War er vor zehn Jahren in Looking for Richard noch selbst derjenige, der den Text als Ausgangsbasis für ein postmodernes Spiel nahm, so ist er jetzt heimgekehrt ins Lager der klassischen Charaktermimen. Im Kanon der großen Rollen für reife Männer ist der Shylock immer noch eine der ganz großen Nummern, Pacino nimmt die Herausforderung an und meistert sie bravourös. Mit dem jüdischen Geldverleiher und seiner Gratwanderung zwischen Sympathie, nachvollziehbarem Gerechtigkeitssinn und unmenschlichem Rachdurst steht und fällt das Stück, und an Al Pacinos Leistung liegt es, daß der Film, der bei diesem Ansatz ebenso gut auch peinlich daneben geraten hätte können, am Ende gelingt. Denn am Ende, als er alles verloren hat, als seine Feinde ihren Sieg feiern, da er allein auf der Straße, eine Tür wird vor ihm zugeschlagen, und ohne daß er ein Wort sagt, verstehen wir in diesem Moment alles, was ihn angetrieben hat. In einem Bild so viel von einem Menschen zu erzählen, das ist Vorrecht des Kinos, und daß es gelingt, zeigt, daß der Text am Ende doch im Film angekommen ist. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #38.
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