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Katze im Sack

D 2004. R: Florian Schwarz. B: Michael Proehl. K: Philipp Sichler. S: Florian Drechsler. M: Fabian Röhmer, 2raumwohnung, Slut. P: Filmakademie Ludwigsburg. D: Christoph Bach, Jule Böwe, Walter Kreye, David Scheller, Andrea Cleven u.a.
86 Min. Jetfilm ab 14.4.05

Sammelsurium der Unnahbarkeit

Von Oliver Baumgarten Die Welt, in der sie leben, findet nur noch automatisiert um sie herum statt. Ihr Drang nach Individualisierung ist in Isolation gemündet. Sie wissen, es gibt ein System, das irgendwie funktioniert, aber niemand scheint mehr durchzublicken, wie. Sie begreifen sich nicht einmal mehr als Rädchen dieses Systems, sondern als lose Schraube, die beim Herabfallen unter einen Schrank gekullert ist und bei jedem Ausfegen entsorgt zu werden droht. Statt dort gemütlich abseits des Systems zu leben, hat ihre Ignoranz und die Flucht in den Autismus die Seele irreparabel demoliert.

Seltsame Figuren tun seltsame Dinge. Viele deutsche Nachwuchsfilme der letzten Zeit handeln unterschwellig von der Desorientierung und dem Umgang mit dem in der Gesellschaft herrschenden Wertevakuum einer jungen Generation. Narren oder Detroit, Schußangst oder SommerHundeSöhne – allen Figuren dieser Filme ist die Suche gemein nach einem übrigen Etwas in ihrem gebliebenen Nichts. Katze im Sack, Gewinner des First Steps Awards als Bester Nachwuchsfilm, birst vor solch seltsamen Figuren, die sich verloren (aber wenigstens energie-) und tickbeladen durch die Handlung bewegen. Da ist Karl, der klassische »Pale Rider«, ein Ex-Sträfling, den es für eine Nacht nach Leipzig verschlägt und der seine Unsicherheit mit einem penetranten Machismo verschleiert. Noch im Zug bandelt er mit der unterkühlten Doris an, ein sexuell gestörtes Nervenbündel, die mit einem dreißig Jahre älteren Mann zusammen ist, der zu gut ist für diese Welt. Karl und Doris kommen sich übrigens näher, indem sie sich gegenseitig und unbemerkt Dinge aus dem Gepäck klauen – auch so lassen sich Kommunikationsprobleme lösen. Dazu kommen zwei minderjährige Schwestern, die Karl verführen, ein minderbemittelter Aufschneider und ein Puffbesitzer: eine Melange aus kühlen Figuren, deren Bahnen sich mehrfach in der Nacht treffen, ein Sammelsurium der Unnahbarkeit.

Filme wie Katze im Sack beschreiben eine indifferente Atmosphäre von Unsicherheit in ihren Figuren, die alleine aus ihrer Charakterisierung heraus nicht zu erklären ist. Was sie tun, und warum sie so geworden sind, findet seinen Grund woanders, im Außen, im Großen Ganzen, meinetwegen auch: in gesellschaftlichen Strömungen. Welche das allerdings sein mögen, das zeigt Regisseur Florian Schwarz uns nicht, mit dieser Frage läßt er die Zuschauer komplett alleine. Die Momentaufnahme, die Katze im Sack liefert, wird von einer sozialen, zeitlichen und politischen Umgebung, an der es sich orientieren ließe, vollkommen unabhängig inszeniert. Das mag dann zwar irgendwie den identifikatorischen Effekt besitzen, daß der Zuschauer genau so verwirrt ist, wie die Protagonisten. Ob das aber erstrebenswert ist, wage ich zu bezweifeln. Der Ansatz von Florian Schwarz und Drehbuchautor Michael Proehl, über ihre Figurenkonstellation einen möglichen Ist-Zustand zu beschreiben, ist aller Ehren wert. Etwas mehr Transparenz hätte hier aber durchaus genutzt, zumal auch die zum Teil sehr hektische Kamera über eine schlichte Bebilderung der Ereignisse nicht hinauskommt. Sie haben die Katze nicht aus dem Sack gelassen, eher scheint's, als sei sie drin erstickt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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