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Karakter

NL 1997. R,B: Mike van Diem. B: Laurens Geels, Ruud van Meggen. K: Rogier Stoffers. S: Jessica de Koning. M: Het Palais van Boem. P: First Floor Features. D: Fedja van Huêt, Jan Decleir, Betty Schuurman, Victor Löw u.a.
119 Min. Schwarz/Weiß ab 6.1.00
Von Thomas Warnecke In Todo sobre mi madre zeigt Almodóvar die Gründung einer Familie als Transplantation: Personen mit verschiedenen Biographien fügen sich zusammen zu einer harmonischen, offenen, solidarischen Gemeinschaft – Sozialismus als modernes Melodram. Karakter liefert das kapitalistische Gegenstück im gold-braunen Gewand des Kostümfilms. Menschen, die ungewollt eine Familie bilden und nur durch materielle Abhängigkeiten verbunden sind.

Die Eltern, der Vater insbesondere, sind Gegner, die es zu überwinden gilt. Zielstrebig eignet sich der Sohn die nötigen Kulturtechniken an, die ihm den sozialen Aufstieg ermöglichen. Als er es mit viel Fleiß bis zum Anwalt geschafft hat, wird er verhaftet, weil er seinen Vater ermordet haben soll.

Zweifellos scheint dieser Vater den Tod zu verdienen: A.B. Dreverhaven ist Gerichtsvollzieher und noch dazu Geldverleiher, und Schulden bedeuten ihm moralische Schuld. Einmal wird er nachts von seinen Schuldnern aus dem Bett getrieben, nackt hält er der Menge seine Amtsplakette wie einen Abwehrfetisch entgegen und wird zusammengeschlagen. Sein Verständnis von Rechtsvollzug trägt sadomasochistische Züge. Jan Decleir (Bauer Bas aus Antonias Welt) zeigt eine der abgründigsten Vaterfiguren der letzten Jahre. Der Geisteswelt seines Sohnes stellt er seine finanzielle und physische Macht entgegen. Seine Geschichte ist die der aktiven Bereicherung durch den Gerichtsvollzug; die Geschichte des Sohnes ist Bildung, das Eindringen in die Bücherwelt der Kanzlei.

Mit der Gegenüberstellung der Lebenswelten von Vater und Sohn gelingt es Karakter, den psychologischen Ballast der literarischen Vorlage in Sichtbares, in Material und Bewegung zu übersetzen. Die Ausstattung bekommt damit eine bedeutende Rolle, die über Zeitkolorit und schönen Selbstzweck hinausgeht. Gleichzeitig verhindert der detailgetreue Naturalismus, daß die Geschichte zu einer faden, allgemeingültigen Parabel verkommt.

Der konventionelle Kunstgriff, die Handlung in Rückblenden zu erzählen, verhindert Dialoglastigkeit; gleichzeitig kann die Geschichte zu einzelnen Stationen gerafft werden, was vor allem zu einem zügigen Erzähltempo führt, ohne daß der Zuschauer den Überblick verliert. Regisseur Mike van Diem hält seine Fäden sicher in der Hand, was auch ein Verdienst der ganz und gar unprätentiösen Machart des Films ist. Die Kamera von Rogier Stoffers überläßt es weitgehend den Schauspielern, für Dramatik zu sorgen. Neben dem monumentalen Jan Decleir kann sich das gesamte Ensemble sehen lassen, Fedja van Huêt verkörpert ebenso optimistische Jugendlichkeit wie die Verletzbarkeit einer sensiblen Natur. Mit seinem Debüt hat van Diem großes Erzählkino geschaffen, das vergleichbaren Hollywood-Produktionen die Stirn bieten kann. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #17.
© 2012, Schnitt Online

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