— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Kansas City

USA 1996. R,B: Robert Altman. B: Frank Barhydt. K: Oliver Stapleton. S: Geraldine Peroni. D: Jennifer Jason Leigh, Miranda Richardson, Harry Belafonte, Michael Murphy, Dermot Mulroney, Steve Buscemi u.a.
118 Min. MFA ab 3.10.96

Ehrgeiz und Epoche

Von Daniel Hermsdorf Bigbands, big bang und big city, die Musik, der Börsenkrach und der Nachhall der roaring twenties: Ein praller Zettelkasten des Zeitgeists stand für Robert Altman bereit, um Kansas City als Panorama einer Epoche und Hohelied des Jazz zu komponieren. Die Geschichte dieses Films ist eine andere: Blondie O'Hara (Jennifer Jason Leigh) bringt Carolyn Stilton (Miranda Richardson), die Frau eines Roosevelt-Beraters, in ihre Gewalt. Blondies Mann Johnny (Dermot Mulroney) nämlich hat den Spieler Sheepshan Red (A.C. Smith) ausgeraubt, was ihn bei Unterweltboß Seldom Seen (Harry Belafonte) in Ungnade fallen läßt. Red soll das von Johnny gestohlene Geld in Seens »Hey Hey Club« verzocken, und so schickt Seen dem Dieb seine Häscher auf den Hals. Um Johnny zu retten, will Blondie den Mann ihrer Geisel nötigen, mit seinem Einfluß eine Befreiungsaktion zu organisieren.

Zu diesem cast von gewohnter Altmanscher Opulenz gehört auch Pearl Cummings (Aija Mignon Johnson), die 14jährig und schwanger nach Kansas City kommt, ihre Betreuerinnen vom Frauenverband verpaßt und den jugendlichen Charlie Parker (Albert J. Burnes) trifft. Der nimmt sie mit in den »Hey Hey Club«, wo die Männer mit den funkelnden Hörnern ihre unsterblichen Improvisationen hervorbrötzen und die Handlungsstränge sich mehrfach kreuzen.

Der Schluß einer positiven Rezension gleich vorweg: Kansas City ist nie langweilig und der Sound der von Jazzgrößen gemimten Jazzgrößen (Joshua Redman, Ron Carter u.v.m., Soundtrackrezension siehe Schnitt 3/96) unwiderstehlich vital und abendfüllend.

Was Altman – gemessen an seinen Chef d'Œuvres wie M*A*S*H, Nashville, The Player und Short Cuts – in seinem neuen Film versäumt, ist die Stringenz in der Vielheit, die profunde Charakterskizze by the way und die treffende Andeutung des Großen im Detail. Kansas City beginnt in verführerischer Achronologie, setzt dramaturgische Akzente, beginnt mehrere Erzählungen und holt Erklärungen nach, bis zu Beginn die Credits abgelaufen sind.

Danach läßt Altman den Zeitfluß unangetastet und konzentriert sich zunehmend auf eine Entführungsgeschichte, die nur wenig Aufmerksamkeit verdient. Nebenhandlungen wie die um Blondies Schwager Flynn (Steve Buscemi), der Arbeitslose zum Wahlbetrug zugunsten der Demokraten zwingt, oder die mafiosen Machenschaften der Nachtclub-Society bleiben recht unausgegoren. Die Personen, von denen wir gerne mehr wüßten – wie Flynn, Seen und auch die zur Staffage geratenen Jazzer –, tragen nur das nötigste zum Fortgang der Handlung bei. Kein Vergleich zu der Aufmerksamkeit, die der eindimensionalen Opiumesserin Carolyn Stilton zukommt, die als blasse Ikone des Niedergangs einer Epoche durch ihre Kidnapping-Story torkelt.

Nur im Licht und in den Schatten ist Kansas City ein exaktes Zeitbild: Die verqualmte Bar und die sinistren Interieurs, die diesigen Lichtstrahlen und harten Kontraste machen die Luft sichtbar, die Charlie Parker atmete.

Den Ironien der Rassendiskriminierung gewinnt Altman seine erzählerische Note ab: Johnny malt sein Gesicht beim Raubüberfall schwarz an und bettelt in Seens Gewahrsam, sein Sklave sein zu dürfen, und die schwarze Pearl hat mit Blondie Gemeinsamkeiten, die uns bedeuten, daß diese Geschichte niemals ein Ende hat. So möchte man den Regisseur in Erinnerung behalten. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap