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Die kalte See

Hafid. ISL/F/NOR 2002 R,B: Baltasar Kormákur. B: Olafur Haukur Símonarson. K: Jean-Louis Vialard. S: Elisabet Ronalsdóttir, Valdís Óskarsdóttir. M: Jón Ásgeirsson. P: Filmhuset, Emotion Pictures u.a. D: Hilmir Snaer Gudnason, Gunnar Eyjólfsson, Elva Ósk Ólafsdóttir u.a.
109 Min. Neue Visionen ab 7.10.04

Ibsen revisited

Von Daniel Bickermann Wenn Leise das neue Laut ist, Chelsea das neue Madrid und Männer die neuen Frauen, dann ist das Familiendrama der neue Sandalenfilm. Baltasar Kormákur wagt sich an eine Neuauflage der klassischen Geschichte um einen mächtigen Patriarchen, der Fabrik und Vermögen unter dem undankbaren und erfolglosen Nachwuchs zu verteilen hat – und der Zuschauer wird angesichts des unzeitgemäßen Sujets ein staubiges Gefühl im Mund nicht los. Natürlich wird die Großfamilie zu einem Treffen einberufen, in dem natürlich sämtliche Geheimnisse, Traumata und Anschuldigungen der letzten Jahrzehnte hochkommen. Die Vorhersagbarkeit ist der Tod des Genres. Die zahlreichen Klischees, die auf dem Weg aufgesammelt werden, sind die Sargnägel.

Dabei geht der Filmemacher mit viel Vorsprung ins Rennen: In Skandinavien ist das Genre traditionell stark, und vieles hier riecht nach Ibsen – ein Pfad, der ja durchaus zur politischen oder gesellschaftlichen Relevanz führen könnte. Ein weiterer Pluspunkt: Betörende Landschaftsbilder gibt es auf Island zum Nulltarif. Wenn der Sohn aus Paris einfliegt – warum nicht Keflavík International links liegen lassen und das Flugzeug auf eine einsame Rollbahn inmitten der atemberaubenden Basaltwüste schicken? Wenn eine lang unterdrückte Liebe endlich besiegelt werden muß – warum die Darsteller nicht in eine leucht-heiße Quelle steigen lassen, wo das milchige Wasser um ihren Kuß herumdampft? Dazu ein paar interessante Volkslieder und einige herrlich skurrile Bräuche, angefangen beim Verzehr von ausgegrabenem Haifischfleisch über das Trinken von einheimischem Schnaps, der »Schwarzer Tod« heißt, bis hin zu den abgehärteten einheimischen Frauen, die statt den erwarteten Ohrfeigen gleich Faustschläge austeilen – eigentlich sollte da doch nichts mehr schief gehen.

Doch trotz all dieser Erleichterungen und trotz eines isländischen Starensembles (unter anderem mit dem jungen Shooting Star Hilmir Snær Gudnason, der nach seinen überzeugenden Auftritten im deutschen Film wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist) gelingt es Kormákur nicht, der ausgetrockneten Geschichte neue Aspekte abzugewinnen. Nachdem er schon den bitterbösen Roman 101 Reykjavík von Hallgrímur Helgason zu einem erstaunlich konventionellen und zähem Drehbuch verarbeitet hatte, scheitert er hier abermals an einer Reihe eigenwilliger Figuren, die ihm partout nicht sympathisch geraten wollen. Zudem sind die isländischen Traditionsthemen (Fischfang, Provinzialität, Inzest) in ihrer hier behandelten Intensität kaum auf das Festland übertragbar. Nein, gegen Thomas Vinterberg, der mit seinem Festen das Genre radikal entblößte, und gegen Dagur Kári, dessen grandioser Nói Albinói der abgründigen isländischen Landschaft eine ebenso schroffe Schicksalsgeschichte entgegensetzte, wirkt Kormákurs Inszenierung seiner Familiengeschichte altbacken, brav und plump wie eine naturalistische Guckkastenbühne mit Blümchentapete. Und so sollte man Ibsen eben gerade nicht machen. 1970-01-01 01:00

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