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Kadosh

IL 1999. R,B,S: Amos Gitai. K: Renato Berta. M: Philippe Eidel, Louis Sclavis. P: Agav Hafakot, MP. D: Yoram Hattab, Meital Barda, Uri Ran-Klausner, Yael Abecassis u.a.
100 Min. Pegasos ab 19.7.01

Vögel im offenen Käfig

Von Thilo Wydra Kadosh heißt übersetzt »heilig«. Und heilig sind in den Augen des Rabbis auch die Grundsätze, nach denen es zu leben gilt. Talmud und Thora, sie sind im Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim omnipräsent, durchdringen jedes Haus. Häuser, in denen Menschen unter den strikten, erzkonservativen, ultra-orthodoxen Reglements leiden.

Dieses Leiden stellt der 1950 in Haifa geborene Regisseur und Autor Amos Gitaï ins Zentrum seines Films Kadosh, der zwei Jahre nach seiner Teilnahme im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes nun in die deutschen Kinos kommt. 25 lange Jahre war zuvor kein Film Gitaïs mehr an der Croisette, obgleich der primär als Dokumentarfilmer arbeitende Gitaï schon immer äußerst produktiv war. Kadosh schließt nun eine Trilogie ab, eine Trilogie der Städte, eine Trilogie auch grundverschiedener Lebensformen. Devarim (1995) wurde in Tel Aviv gedreht, Yom Yom (1998) entstand in Haifa, Kadosh dann in Jerusalem.

In Gitaïs Fiktion leben Meir und seine Frau Rivka, die seit nunmehr zehn Jahren verheiratet sind, in Mea Shearim. Zehn Jahre Ehe, denen kein Kind entsprungen ist. Der Rabbi beschließt, daß sie sich scheiden lassen müssen und Meir die junge Haya heiraten soll. Für ihn, für alle, steht fest, daß seine Frau Rivka unfruchtbar ist. Doch als sie bei der Ärztin ist, konstatiert diese das Gegenteil. Nur: Davon will hier niemand etwas wissen; davon, daß es am Mann liegen könnte. Während Meir also die vom Rabbi ausgewählte Haya heiratet, geht Rivka. Sie geht in die selbstgewählte Einsamkeit, und sie verstummt, zerbricht an diesem Mikrokosmos, dem zu entfliehen sie scheinbar keine Kraft hat. Den starken Willen ihrer Schwester Malka hat sie nicht. Malka, die eigentlich den der Gemeinde entflohenen Yaakov liebt, wird mit Yossef verheiratet. Auch sie unterliegt dem Reglement. Doch sie sieht die Welt mit anderen Augen als Rivka.

Es ist denn auch weniger die Geschichte, die die Kraft von Kadosh ausmacht, sondern die Sichtweise, in welcher Regisseur Gitaï sich den Dingen nähert, um ihnen leise nachzugehen. Wenn er etwa den ersten Beischlaf zwischen der latent revoltierenden Malka und ihrem Zwangs-Gatten Yossef aus der Halbtotalen dreht, in einer Einstellung mit unveränderter Kadrierung, dann legt er das Brennglas auf die Wunde. Dies ist kein Liebesakt, hier wird in ganz wenigen Minuten kurz und ruppig vollzogen, ausschließlich um zu zeugen. Um – idealerweise! – männlichen Nachwuchs für die Gemeinde geht es, nicht um etwaige Gefühle des Paares. Allein schon diese Sequenz ist schwer zu ertragen: Kalt, nüchtern, geradezu steril ist der semi- dokumentarische Blick auf das säkulare Leid hinter der sakralen Fassade. Doch was bloß ist am Gezeigten heilig, an diesen endlosen Demütigungen, die hier tagtäglich erduldet werden?

Amos Gitaï erzählt von einer völlig fremden Welt, von einem Kosmos mit ureigenem Gesetzeswerk. Er erzählt von einem offenen Gefängnis. Inzwischen hat er einen neuen gedreht, Kippur – War Memories heißt er, Kriegserinnerungen. Wenn man denn so will, hat der eher selten ins Fiktive gehende Dokumentarist auch in Kadosh, diesem Film der kalten Blicke, vom Krieg erzählt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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