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K.af.ka Fragment

D 2001 R,B,S: Christian Frosch. B: Kristina Konrad. K: Johannes Hammel. M: VOOV. P: Hammelfilm. D: Ursula Ofner, Lars Rudolph u.a.
85 Min. Neue Visionen ab 23.1.03
Von Achim Wetter »Am 2.8.1914: Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. Nachmittag Schwimmschule.« Schroffheiten, die in ihrer inhaltlichen Dichte genausowenig zu übertreffen sind, wie in ihrer poetischen Kargheit, durchziehen Kafkas Schriftverkehr fast ebenso regelmäßig wie seinen umfangreichen Nachlaß an Tagebuchaufzeichnungen. Fehlt, wie im Fall des Briefwechsels mit seiner Verlobten Felice, die Perspektive des Gegenübers, weil Kafka die Schreiben seiner Geliebten vernichtete, so werden aus diesen Zeugnissen ganz automatisch literarische Monolithe.

Der Regisseur Christian Frosch macht den Versuch, gerade dieses Stückwerk zum Handlungsgerüst einer filmischen Bearbeitung zu erklären, indem er Fragment-Fragmente isoliert und für diese Destillate eigene Bildwelten erfindet. Agiert sich Lars Rudolph als Kafka auch durchweg authentisch durch den mühsam zusammengeschusterten Bildkosmos aus stilisierten Schwarzweiß-Collagen und bedeutungsschwanger verfremdeten Bildkompositionen, fehlt dem Experiment leider nicht nur die dringend notwendige künstlerische Stringenz, sondern auch jedwede eigenständige Dimension.

Findet Bildmaterial Verwendung, das eine Textstelle wie »Ein Brief macht Mühe, wie man es auch anschaut« langatmig mit tippenden Frauenhänden und einer sich den Nacken massierenden Felice illustriert, dann möchte man sich kaum vorstellen, was im Schneideraum an weniger kongenialen Transformationen in Ungnade gefallen sein mag. Unmotivierte Schauplatzwechsel und haarsträubende Schnittfolgen zerstören gewaltsam den natürlichen Rhythmus des Gesprochenen und entlarven in ihrer Vielzahl die allzu offensichtliche Konzeptlosigkeit des Filmemachers. Blitzt in den lose eingestreuten Bildcollagen an einem entrückten Wüstenschauplatz auch ansatzweise die schwelgerische Licht- und Farbdramaturgie eines Philippe Garrel aus dessen La Cicatrice intérieur hindurch, bleiben auch diese Sequenzen in ihrem zitierenden Symbolismus durch ihre Substanzlosigkeit ganz filmische Platitüde. Einzig Lars Rudolph, dessen schauspielerische Präsenz sich offensichtlich von keinem noch so uninspirierten Filmemacher demontieren läßt, rettet dieses ambitionierte Flickwerk vor der Bedeutungslosigkeit. Zeit für die Schwimmschule. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #29.
© 2012, Schnitt Online

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