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Just a Kiss

Ae Fond Kiss. GB/I/D/E 2004. R: Ken Loach. B: Paul Laverty. K: Barry Ackroyd. S: Jonathan Morris. M: George Fenton. P: Sixteen Films, Bianca Films u.a. D: Atta Yaqub, Eva Birthistle, Ahmad Riaz, Shabana Bhaksh u.a.
103 Min. Neue Visionen ab 11.11.04

Wo sind die Grenzen?

Von Franziska Nössig Unbeabsichtigt hat Ken Loach mit seinem neuen Film eine Trilogie vervollständigt. Nach My Name is Joe und Sweet Sixteen spielt Just a Kiss ebenfalls in Glasgow. Während jene beiden Werke aus den Jahren 1998 und 2002 thematisch mit den meisten anderen Loach-Filmen harmonieren – sie zeigen eine grundsätzlich düstere Gesellschaft, porträtieren soziale Randgruppen und das Leben in fragwürdigen politischen Regimen – tanzt Just a Kiss ein wenig aus der Reihe. Hier liegt der Fokus auf den in diesem Fall äußerst patriarchalischen Institutionen Familie und Religion. Diese bilden den gesellschaftlichen Rahmen, in dem sich jeder der Charaktere bewegt und auch zu bewegen hat.

Für Casim bedeutet dieser abgesteckte Bereich, daß er dem muslimischen Glauben folgt und stets die Ehre seiner Familie und der gesamten indischen Gemeinde hochhält. Roisin hat ihrem katholischen Glauben gegenüber ebenfalls Verpflichtungen, und auch ihr sind keine Ausflüge jenseits dieser Mauern erlaubt. Und ausgerechnet diese zwei verlieben sich ineinander und untergraben bereits damit die Gesetze beider Gemeinden. Sie ziehen zusammen und überschreiten ihre von Familie und Pfarrer erteilten Kompetenzen. Man möchte argumentieren, daß es im Jahr 2004 zumindest in der westlichen Welt längst nicht mehr von Bedeutung sei, ob zwei sich liebende Menschen auch dieselbe Religion teilen. Daß Casims Bedrängnis, sich zwischen Roisin und seiner Familie entscheiden zu müssen, heutzutage einfach lächerlich wirkt. Doch genau hier nimmt uns Loach die Basis für jede Beurteilung oder »vernünftige« Argumentation. Denn anstatt wilde Erklärungs- oder Rechtfertigungsversuche herbeizuführen für das Verhalten von Casims Familie oder Roisin, zeigt er es und verschafft sich damit weitaus mehr Gehör. Er lädt den Zuschauer regelrecht dazu ein, mit ihm die gesamte Situation aus unterschiedlichen Perspektiven zu beobachten und keine schnellen Schlüsse zu ziehen. Es scheint, als habe Loach auch während der Dreharbeiten nichts weiter gemacht als den Charakteren einfach nur zugesehen und sie »machen lassen«. Ohne Kommentar, aber dafür mit einem ehrlichen Interesse für ihre Beweggründe und Meinungen.

Obwohl sich weder Roisin noch Casim als praktizierende Gläubige bezeichnen, fühlen sie sich doch mit ihrer Religion verbunden. Sie ist ein Teil ihrer Identität, und die Forderung, sie einfach zu ändern, hieße, jemand anders zu werden. Doch die Einstellung der beiden ändert sich, als sie auf unerwartet hartnäckigen Widerstand treffen. Für sich genommen ist jede der Glaubensrichtungen eine Art Leuchtturm, der den Anhängern verspricht, ihnen den Weg zu weisen. Doch im Aufeinandertreffen, bei der kleinsten Bedrohung jener proklamierten Einzigartigkeit, wird jede dieser Religionen zum Dogma. Das Beharren auf den eigenen Regeln wird sowohl von islamischer als auch von christlicher Seite als »Bitte um Toleranz« getarnt und ist eigentlich verbohrter Widerstand gegen diejenigen, die Fragen stellen.

Tatsächlich verhärten sich die Strukturen in Just a Kiss, und auf beiden Seiten wird ein aufkeimender Rassismus deutlich. Casims Familie kämpft sogar mit List, um den katholischen Eindringling abzuschütteln. Leider verliert der Film in diesem Punkt ein wenig die Kontrolle, denn Roisin beendet den Kampf mit einem unmotivierten Rückzug. Die Verletzungen, die sie erfährt, werden nicht diskutiert, sondern verschwinden in einem plötzlich aufkommenden Nebel von »Vergeben und Vergessen«. Dieses Händereichen über die Kluft der Herkunftsunterschiede ist in seiner »Romeo und Julia«-Manier einfach zu plump für die eigentlich so fein gestaltete Erzählung. Paul Lavertys Drehbuch ermöglicht es jedem Charakter, ein Individuum zu sein. Die Kinder der Familie Khan werden glücklicherweise nicht automatisch zu Rebellen der zweiten Migrantengeneration. Diese Rolle nimmt nur Casims »kleine« Schwester Tahara ein. Die Älteste, Rukshana, ist sich der indischen Tradition wohl bewußt und handelt vollkommen im Sinne ihrer Eltern. Casim bewegt sich irgendwo in der Grauzone zwischen diesen beiden Polen. Aufgeschlossen und kritisch beobachtet man seine Entscheidungen und folgt somit den Anforderungen von Loachs dokumentarischem Erzählkino. 1970-01-01 01:00

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