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Junta

Garage olimpo. I/F/Arg 1999. R,B: Marco Bechis. B: Lara Fremder. K: Ramiro Civita. S: Jacopo Quadri. M: Jacques Lederlin. P: Classic Paradis Films Nisarga. D: Antonella Costa, Carlos Echeverria, Dominique Sanda, Chiara Caselli u.a.
98 Min. flax film ab 3.7.03

Die Realität der Untergeschosse

Von Tamara Danicic Einer jungen Frau gelingt es, im Elternhaus ihrer Freundin eine Bombe unterm Bett zu plazieren. Was als Suspense- oder Action-Film beginnt, bricht jäh ab; erst an späterer Stelle begreift man die Zusammenhänge, erahnt Ursache wie auch Konsequenz dieser Tat. Zunächst aber rückt die Kamera eine andere junge Frau, María, in das Gesichtsfeld des Betrachters, wodurch beim Zuschauer ein kurzes Verwirrungsmoment entsteht. Die gewohnte Identifikation mit der ersten Figur, die die Kamera in den Blick nimmt, wird verweigert und ein neuer Faden aufgenommen.

Dieser wird anhand der Lehrerin María, einem in die Fänge der argentinischen Militärdiktatur geratenen »Engel der Vorstädte«, weitergesponnen. In einer der verborgenen Folterkammern, die zwischen 1976 und 1982 zuhauf existierten und sich hinter so unschuldigen Namen wie »Werkstatt Olymp« (»Garage olimpo«, so auch der Originaltitel) oder »San Roque Dock« versteckten, trifft sie auf ihren Untermieter Felix. Ein unscheinbarer, glattgescheitelter Bursche, der aus seiner – unerwiderten – Zuneigung zu María nie einen Hehl gemacht hat.

Hier in der Abgeschirmtheit der Kellerverliese üben er und seine Kollegen ihr grausames Gewerbe mit einer Gewissenhaftigkeit wie auch Abgestumpftheit aus, die fassungslos macht. Autoritätsgehorsam scheint das Schwungrad zu sein, das die Maschinerie am Laufen hält. María wird für Felix zum Störfaktor. Regisseur Marco Bechis geht es weder darum, Ideologien gegeneinander auszuspielen oder verblendete Phantasten vorzuführen, noch darum zu psychologisieren. Vielmehr wird hier stilsicher die Routine der Grausamkeit, die Banalität in den Folterkammern aufgezeichnet.

Die moderne Tortur, wie sie in Argentinien praktiziert wurde, steht nicht mehr im höheren Dienste der Bestrafung oder Sühne; sie wird instrumentalisiert, um Informationen zu erlangen. Gleichzeitig wird für die Opfer Würde zum existentiellen Problem. Wie weit gelingt es, sich das Rückgrat nicht brechen zu lassen und doch mit heiler Haut davonzukommen? Die Vorgänge in der Werkstatt werden aus einer sicheren (emotionalen) Distanz verfolgt, um schnell gezimmerten Gut-Böse-Schubladen ebenso wie der Möglichkeit einer allzu simplen Empathie entgegenzuarbeiten. Dabei hätte der in Italien lebende Filmemacher leicht der Versuchung nachgeben können, seine Peiniger an den Pranger zu stellen: Schließlich mußte Bechis die Hölle einer solchen Folterkammer mehrere Tage am eigenen Leib erfahren.

Nur die ausgearbeitete Tonspur stellt eine autobiographische Verankerung dar, beschränkte sich seine damalige Wahrnehmung doch vor allem auf das, was er hörte. Stilistisch fällt die Welt der Figuren in zwei Teile auseinander, ein Oben und ein Unten. Während über Kunstlicht, Kamerafahrten und -perspektiven eine »Fiktionalisierung« der Außenwelt erfolgt, wird man mit Handkamera, natürlichem Licht und Direktton durch die »reale« Welt der Werkstatt geführt. Schauspieler und Kameramann bekamen nur häppchenweise Informationen zum Drehbuch, um so zu einer quasi-dokumentarischen, chronologisch gedrehten Geschichte zu gelangen. Darüber hinaus war das tragische Ende Marías – das gleichzeitig als Erlösung inszeniert wird – nicht von Anfang an vorgesehen, sondern kristallisierte sich erst im Lauf der Dreharbeiten als einzig statthafter Schluß heraus.

In Argentinien hat es lange genug gedauert, bis man politische Filme wie Junta machen konnte – und vier weitere Jahre, bis dieser endlich seinen Weg in die deutschen Kinosäle geschafft hat. Um so wertvoller ist er. 1970-01-01 01:00

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