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Junebug

USA 2004. R: Phil Morrison. B: Angus MacLachlan. K: Peter Donahue. S: Joe Klotz. M: Yo La Tengo. P: Epoch Films. D: Amy Adams, Embeth Davidtz, Benjamin McKenzie, Alessandro Nivola, Frank Hoyt Taylor u.a.
106 Min. Arsenal ab 1.3.07

Vertraute Fesseln

Von Arezou Khoschnam Und wir dachten, wir wären sie für immer los. Was für ein Trugschluß! Weder eine neue Umgebung tausende von Kilometern weit weg, ein eigenes Einkommen, mit dem man endlich auf den eigenen Beinen steht, noch die Reduzierung der Besuche auf ein Pflichtpensum können etwas daran ändern, daß unsere Familie immer Einfluß auf uns und unser Leben haben wird. Sie hat uns mehr als alles andere geprägt – auch wenn die Erziehungswissenschaftler da geteilter Meinung sind. Zu unserer Familie zählen Menschen, die jede unserer Macken und schlechten Angewohnheiten kennen (daß das auf Gegenseitigkeit beruht, ändert nichts an der unangenehmen Komponente, sie verstärkt sie sogar noch). Menschen, die uns so gesehen haben wie niemand sonst uns je sehen soll und darf. Die Rede ist von peinlichen Situationen, die wir aus unserem visuellen Gedächtnis schnellstmöglich verbannt haben, und zwar genau in dem Moment, als unser neues Leben begonnen hat. Das Leben als Erwachsener. Doch das ist alles nur eine Illusion gewesen. Nein, wir sind nicht erwachsen. Wir sind noch immer das Kind unserer Eltern geblieben, das mit den Geschwistern um die banalsten Dinge streitet und zum Küchentisch eilt, wenn das Essen fertig ist.

Der Gedanke an die eigene Familie erzeugt wohl bei den meisten Menschen ein Gefühlskompott aus vertrauten Elementen und permanentem Genervtsein, aus einem Ort der Geborgenheit und einem der Einengung. In Junebug weiß Phil Morrison seinem Publikum genau diese Gefühle über die Leinwand zu vermitteln. Seine Tragikomödie erzählt das Zusammentreffen von George und Madeleine mit Georges Familie. Seit er in New York als erfolgreicher Irgendwas das dicke Geld macht, hat er seine Verwandten in North Carolina nicht mehr besucht. Die Kunsthändlerin Madeleine will einen Maler aus der Gegend unter Vertrag nehmen und da bietet sich der erste Besuch des frisch angetrauten Paares an. Die Eltern leben mit dem jüngeren Bruder und dessen hochschwangeren Frau unter einem Dach.

Natürlich verläuft die Begegnung für Madeleine, der »Neuen«, alles andere als harmonisch. Dem ein oder anderen mag das Folgende bekannt vorkommen: Die Schwiegermutter lehnt sie ab, hat sie ihr doch ihren Lieblingssohn weggenommen. Der Schwager übt sich im Ignorieren der Gäste, kommen beim Anblick des Bruders, der was aus sich gemacht hat, doch all die vergrabenen Komplexe wieder hoch. Der Schwiegervater, ein liebenswerter alter Mann, hält sich lieber im Hintergrund auf, und die werdende Mutter überschlägt sich fast vor Freude über die Anwesenheit der Gäste. Und George… ja, wo ist George auf einmal? Der ist gar nicht mehr so oft zu sehen. Stattdessen läßt er seine Frau zurück in der Höhle des Löwen. Fast meint man, George habe sich in sein altes Baumhaus zurück verkrochen.

Ein Film, der auf dem kompletten Gegensatz zweier Parteien oder Figurengruppen aufbaut, kann leicht in die Falle tappen, die eine Seite zu idealisieren und die andere ins Lächerliche zu ziehen. Glücklicherweise vermeidet Morrison diesen Fehler. Er erweist sich als sehr genauer Beobachter emotionaler Vorgänge und zeigt dabei sowohl Verständnis für die kultivierten Großstädter, als auch für die alteingesessenen Landeier. Es gibt kein Richtig und kein Falsch, sondern nur Unterschiede. Die weltgewandte Madeleine, gewohnt, viel zu kommunizieren, begegnet mit der Familie ihres Ehemannes Menschen, die Probleme nicht ansprechen, sondern lieber mit sich alleine lösen, ihre Tränen vor anderen verstecken und nach außen die heile Fassade wahren. Sie kommt in eine Umgebung, in der nachbarliches Miteinander großgeschrieben wird, wo der sonntägliche Kirchgang eine Selbstverständlichkeit darstellt und man einen guten Kontakt zum Pfarrer der Gemeinde pflegt. In dieser Welt kommen Karriere, Handy und Laptop nicht vor. Insofern ist Junebug unter anderem auch eine Milieustudie, die trotz regionaler Färbung einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt. Ein übertragbares Modell aus konträren Elementen wie Metropole/Provinz, Moderne/Tradition, Kosmopoliten/Einheimische.

Der Regisseur – selbst aus North Carolina stammend – begegnet seiner Heimat mit einem liebevollen, aber auch sehr trockenen Augenzwinkern. Eine einfache Szene, in der eine Matratze aufgepumpt wird, die langsam anschwillt, entwickelt dabei ungeahnt komisches Potential. Sie regt jedoch gleichzeitig zum Nachdenken an, denn die Kamera ist so geduldig, daß die Bilder fast schon in dokumentarische Nähe rücken. Sie fängt ein Bild ein und verharrt solange in der Ausgangsposition, bis die letzte Figur aus dem Bild verschwunden ist und das Licht hinter sich ausgemacht hat. Daher weiß man oftmals nicht, ob man lachen oder sinnieren soll. Diese sehr eigene Gratwanderung zwischen Humor und Ernsthaftigkeit ist eine Glanzleistung für sich, und es würde mich nicht wundern, wenn in einigen Jahren in Filmkreisen vom Morrison'schen Stil die Rede sein wird.

Die besten Filme sind die, in denen viel Wahres oder viel Wahrheit steckt. Und Junebug hat eine Menge davon. Statt sie dem Zuschauer aufzudrängen, wird ihm gestattet, sie selbst zu suchen. Ich für meinen Teil habe folgende Wahrheiten gefunden: Die Familie ist ein System, in dem jeder Einzelne seine Rolle hat, die zwar leicht zu verändern, aber nicht zu erschüttern ist. Die Vergangenheit ist allgegenwärtig, und die Macht der Gewohnheit wird früher oder später siegen. Es gibt Dinge, die sind nun mal so wie sie sind und – das ist das Wichtigste – wir sollten sie nicht zu ernst nehmen. Schließlich treten George und Madeleine die Heimreise an. Das Schlußwort gebührt George: »Ich bin froh, wenn wir wieder zu Hause sind!« 1970-01-01 01:00

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