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Die Journalistin

Veronica Guerin. USA 2003. R: Joel Schumacher. B: Mary Agnes Donoghue, Carol Doyle. K: Brendan Galvin. S: David Gamble. M: Harry Gregson-Williams. P: Touchstone Pictures, Bruckheimer Films. D: Cate Blanchett, Gerard McSorley, Ciaran Hinds, Colin Farrell u.a.
89 Min. Buena Vista ab 11.9.03

Das Ende ist immer das Ende

Von Dietrich Brüggemann Es ist ein guter Brauch, in Filmkritiken nicht das Ende zu verraten. Selbst die Zusammenfassungen in den Presseheften schildern immer nur zwei Drittel der Handlung, obwohl der Leser hier ja den Film eigentlich sowieso gesehen haben sollte. Der Hauptreiz des Filmeguckens besteht darin, daß man nicht weiß, was als nächstes kommt – wer das Ende verrät, ist daher ein Spielverderber. In einschlägigen Internetforen steht in solchen Fällen immer groß »Warning: Spoilers«, das bezieht sich nicht auf windschnittige Autos, sondern auf Handlungsdetails, die einem den Spaß am Film vermiesen könnten, wenn man sie vorher weiß.

Doch manchmal ist es angezeigt, diese Regel zu durchbrechen – dann nämlich, wenn ein Film durch sein Ende zu etwas anderem wird, als er es sonst wäre.

Und da dieser Film selbst sein Ende eigentlich am Anfang schon preisgibt, werde ich es jetzt auch enthüllen. Also, Achtung – SPOILERS AHEAD! – wer ahnungslos bleiben will, möge hier aufhören.

Das ungewöhnliche an Die Journalistin ist, daß hier am Ende eines völlig normalen, charakterorientierten Thrillers die sympathietragende Identifikationsfigur erschossen wird. Und das ist in diesem Genre eher selten.

Der Film folgt der Geschichte der furchtlosen Journalistin Veronica Guerin, die in den 90er Jahren in Dublin den Kampf gegen übermächtige Drogenbosse aufnahm und schlußendlich gewann – allerdings erst, als nach ihrem gewaltsamen Tod ein Aufschrei der Empörung durchs Land ging. Cate Blanchett verkörpert die Titelfigur mit der gewohnten Souveränität und Charakterstärke, und es entfaltet sich ein reibungsloser, gut geölter und elegant inszenierter Thriller, der menschliche Anteilnahme und rasante Storyverwicklungen im ausgewogenen Verhältnis mischt. Dabei verbirgt er in keinem Moment seine Hollywood-Herkunft – obwohl die Geschichte in Dublin spielt und sich in Sachen Lokalkolorit nichts vorwerfen läßt, sehen wir eindeutig eine Jerry-Bruckheimer-Produktion und keinen irischen Independentfilm, da kann der versierte Komponist Harry Gregson-Williams noch so viele Dudelsäcke ins Spiel bringen.

Ein routinierter Film, gediegene obere Mittelklasse, schöne Kinomenschen, deren Leben auch im Leiden noch attraktiv und schöner als das eigene aussieht, der dabei aber trotzdem irgendwie realistisch rüberkommt – denn es ist ja eine wahre Geschichte, wie wir alle wissen.

Aber dann das Ende. Die schöne, elegante, lebhafte und ganz und gar wunderbare Veronica wird einfach so erschossen. Kein Retter in letzter Minute, kein wundertätiger Notarzt, der sie mit Defibrilator und Blaulicht wieder ins Leben zurückschießt – Veronica Guerin stirbt, ist tot und bleibt es auch. Die echte, nackte Realität, die Endgültigkeit des Todes bricht herein in die fiktionalisierte Kinorealität und versetzt uns einen Schock, der dem Erwachen aus einem süßen Traum gleicht. Gerade weil es so ein schön gemachter Hollywoodfilm war, den wir bis dahin gesehen haben, packt uns die Erkenntnis, daß es hier kein Happy-End geben wird, und reißt uns für einen Moment aus der Illusion heraus und in die Bitterkeit des wahren Lebens hinein.

Und nachdem der Film sich aus dem wahren Leben diesen Schreckmoment geholt hat, taucht er umso tiefer ein in die Illusionsmaschinerie des Kinos, und nun kommt Harry Gregson-Williams wieder ins Spiel. Für einen langen Zeitraum entwickelt die Musik jetzt ein autonomes Leben und tritt ganz in den Vordergrund – aus einem unbegleiteten Kinderlied entsteht nach und nach eine gewaltige und erschütternde symphonische Apotheose, ein Rausch aus Bildern und Klängen, eine Flut, auf der man weit davongetragen wird. Diese Sequenz entfaltet vor dem Hintergrund der soeben gesehenen Szenen eine emotionalen Sog, wie ich ihn im Kino lange nicht erlebt habe.

Und das alles ist natürlich wieder Hollywood in Reinkultur. Klar ist dieser Moment und damit der ganze Film, distanziert betrachtet, ein melodramatischer Tränenzieher, doch als solcher erhält er seine Berechtigung, wenn die audiovisuelle Überwältigung so stark wird, daß eine distanzierte Betrachtung einfach nicht mehr möglich ist. Und das ist hier, zumindest in jenen zentralen Minuten, der Fall.

Die Journalistin wurde inszeniert von Joel Schumacher, der unter Hollywoods Routineregisseuren einer der interessantesten zu sein scheint. Meist bringt man ihn mit dem passablen dritten und dem grauenvollen vierten Batman-Film in Verbindung, doch Schumacher steckt immerhin hinter so unterschiedlichen Werken wie Flatliners, Falling Down, Tigerland und dem gerade erst angelaufenen, höchst sehenswerten Phone Booth. Als nächstes stehen zwei Literaturverfilmungen an: »On the Road« und das Phantom der Oper – nicht das Musical, sondern eine Theaterfassung dient als Vorlage. Mal sehen, was da rauskommt. 1970-01-01 01:00
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