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Joint Security Area

Gongdong gyeongbi guyeok JSA. KOR 2000. R: Park Chan-wook. B: Park Chan-wook. K: Kim Sung-Bok. S: Kim Sang-Beom. M: Bang Jun-Seok, Joh Yeong-wook. P: Myung Film. D: Lee Yeong-ae, Lee Byung-hun, Song Kang-ho, Kim Tae-woo, Shin Ha-kyun u.a.
110 Min. Rapid Eye Movies ab 4.7.02

Die Mauer muß weg!

Von Anatol Weber Als Joint Security Area 2001 in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen wurde, galt der seinerzeit erfolgreichste koreanische Film aller Zeiten als Geheimfavorit. Ein hochgradig politischer und dabei überaus unterhaltsamer Exkurs in die Wunden eines Volkes im Kriegszustand kommt nach Berlin. Gerade die emotionale Bindung eines geteilten Landes zu einer ehemals geteilten Stadt entfachte in Kreisen der koreanischen Filmwirtschaft die Hoffnung auf die langersehnte Öffnung des deutschen Marktes und der Herzen des Publikums. Letzteres sollte auch gelingen, Zuschauer und Presse reagierten gut bis euphorisch, nur die Branche verhielt sich wie seit Jahren zu koreanischen Filmen: ängstlich bis ablehnend, mit Begründungen (»das schlechte Englisch der europäischen Schutztruppen wäre dem Publikum nicht zuzumuten«), die eine ignorante Haltung gegenüber einem der innovativsten und aufregendsten Filmländer der letzten Jahre manifestiert.

Auch die Jury hatte den Film nicht auf ihrer Liste, und so räumten die bravbiederen Kleinode Beijing Bicycle (China) und Beetlenut Beauty (Taiwan) kräftig ab. Die koreanische Delegation reiste mit leeren Händen wieder ab.

Nicht ganz, wie sich über 17 Monate später herausstellt, denn wieder einmal wagt RapidEyeMovies aus Köln den Sprung ins kalte Wasser und bringt nach The Isle einen weiteren koreanischen Kracher ins Kino. Vielleicht gelingt es diesem Verleih zusammen mit einigen deutschen Festivals, Grenzen zu öffnen und Annäherung zu schaffen, genau wie dieser Film.

Die »Brücke ohne Wiederkehr« am Panmunjom, der entmilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea, an der über eine Million Soldaten in Waffen sich gegenüberstehen, ist Ausgangspunkt der Ermittlungen der Eurokoreanerin Sophie E. Jean, die der internationalen Schutztruppe NNSC angehört. Der Süden sieht eine versuchte Entführung, der Norden einen terroristischen Anschlag und einzig die beiden überlebenden Soldaten können Licht in das Dunkel dieser tödlichen Nacht bringen. Die Arbeit der jungen Ermittlerin gestaltet sich natürlich zunächst sehr schwierig, da beide sich nicht sonderlich kooperativ und ihren Ideologien konform verhalten.

Durch einen tragischen Zwischenfall und ihre Beharrlichkeit gelingt es ihr dennoch, den Zuschauer und sich selbst in einer verbotenen und existierenden irrealen Welt wiederzufinden. Auch der Film verläßt mehr und mehr das Verhörzimmer und bebildert auf eindringliche Art das Leben in dieser Todeszone samt seiner seltsamen Zufälle. Immer wieder werden Ereignisse kolportiert, wie der Austausch von Zigaretten bei der nächtlichen Patrouille, und Joint Security Area nimmt diese zum Anlaß, den Beginn einer der ungewöhnlichsten, aber auch tödlichsten Freundschaften der Filmgeschichte zu entwickeln. Ähnlich einer Amour fou, einer unmöglichen Liebe, nähern sich im Wachhaus an der Brücke ohne Wiederkehr Menschen der selben Sprache, der selben Heimat zum ersten Mal an und führen die beiden Systeme, die Grenze, den möglichen Krieg ad absurdum um am Ende doch wieder von unserer Realität eingeholt zu werden. Die Ermittlerin hingegen zerbricht an ihrem Gerechtigkeitssinn, da sie feststellen muß, daß die ganze Wahrheit nicht automatisch die volle Wahrheit ist. In diesem meisterlich gelösten philosophischen Ansatz entwickelt der Film die Idee aus Kurosawas Rashomon eindringlich weiter.

Joint Security Area ist großes Entertainment mit Hirn, nichts für Freunde abgedrehter asiatischer Kinoästhetik, aber von beeindruckender Intelligenz, Wärme und Kraft, ein Film, den es zu Zeiten der deutschen Teilung nie gegeben hätte. 1970-01-01 01:00

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