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Johanna von Orléans

The Messenger: The Story of Joan of Arc. USA 1999. R,B: Luc Besson. B: Andrew Birkin. K: Thierry Arbogast. S: Sylvie Landra. M: Eric Serra. P: Patrice Ledoux. D: Milla Jovovich, John Malkovich, Faye Dunaway, Dustin Hoffman, Vincent Cassel, Tchéky Karyo u.a.
160 Min. Columbia ab 13.1.00
Von Nathalia Lettenewitsch Der amerikanischste aller französischen Regisseure hat sich das vielverfilmte Nationalheiligtum »Im Namen Gottes und mit einer Jungfrau an der Spitze gegen die Engländer« vorgenommen – und es kräftig entweiht. Das gehört sich ja auch so. Aber mußte es unbedingt durch die schon in Fifth Element etwas anstrengende Milla Jovovich sein? Wenn Regisseure Hauptrollen mit ihren Liebschaften besetzen, kann es unter Umständen ins Auge gehen. Da helfen auch keine amerikanischen Altstars an ihrer Seite und nicht einmal der wunderbare Tchéky Karyo.

Den Menschen hätten sie sehen wollen, nicht den Mythos, meint Jovovich – eine schöne Phrase und ein durchaus lobenswertes Unterfangen, abgesehen davon, daß es nach ein paar Jahrhunderten noch unmöglicher ist als ohnehin. Besson, bekanntlich dem dekorativen Oberflächenreiz junger und jüngster Frauen mit Waffen verfallen, interessiert sich nicht für tiefgründiges religiöses Mysterienspiel wie einst Dreyer oder differenziert Episches wie Rivette. Er macht aus der heiligen Heroine eine infantile, schizophrene, hysterische Nervensäge. Ihr, Jovovichs, Gesicht ist in ständiger Bewegung, Augen rollen, Lider flattern, Mundwinkel zucken; die deutsche Fassung lotet die Schmerzgrenze noch weiter aus, mit einer penetrant quäkigen und ständig nach Atem ringenden Synchronstimme.

Eric Serras Musik ist kitschig wie immer und derart schwülstig orchestriert noch aufdringlicher – die Fotographie von Stammkameramann Thierry Arbogast dafür wenigstens, auch wie immer, exzellent. Einzelne Einstellungen bleiben haften, wie eine Frontalaufnahme der von einem Pfeil getroffenen Jeanne, die von einer Leiter langsam rückwärts in die erstarrte Menge fällt, ein Moment völliger Ruhe mitten in der Schlacht. Oder eine der wenigen Sequenzen, in denen Besson seine ironische Sicht auf den Mythos klar formuliert: Als Jeannes Gewissen sie an ihrer Mission zweifeln und die verschiedenen irdischen und überirdischen Möglichkeiten visualisieren läßt, wie das vermeintlich von Gott gesandte Schwert, das sie einst fand, an seinen Platz gekommen sein könnte – eine inszenatorische Tour de force.

Lichte Momente bleiben aber Einzelgänger in einem konzeptuell wie formal unentschiedenen Film. Zwischen der braven linearen Erzählung eines Historienschinkens, Actiongetümmel und relativ plattem Humor, der irgendwie besser zu den SciFi-Dekors von Fifth Element paßte, hat er letztlich nicht viel mehr zu sagen als ein Fernsehzweiteiler. Daß Jeanne D'Arc zu Tode nervt, mag Programm sein – aber kein sehr kluges, da es Besson und Jovovich nicht erreichen die Figur dennoch liebenswert zu machen, und sich zum Schluß eher Erleichterung ausbreitet, wenn sie endlich zu »Carmina Burana«-mäßigem Gedröhne auf dem Scheiterhaufen lodert. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #17.
© 2012, Schnitt Online

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