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Jet Lag – oder wo die Liebe hinfliegt

Décalage horaire. F/GB 2002. R,B: Danièle Thompson. B: Christopher Thompson. K: Patrick Blossier. S: Sylvie Landra. M: Eric Serra. P: Les Films Alain Sarde, Pathé Prod. u.a. D: Juliette Binoche, Jean Reno, Sergi Lopez u.a.
85 Min. Tobis ab 2.10.03

Love is in the Air

Von Thilo Wydra Un homme, une femme: Er, ziemlich unterkühlt, ruhig, früher mal Gourmet-Koch, nun Tiefkühlkost-Boß in den Staaten. Sie, völlig zugeschminkt, grell, schrill, überdreht, und eben Kosmetikerin. Er heißt Félix, hat ein Ticket von New York nach München, fliegt einer Frau hinterher, die lange schon nichts mehr von ihm wissen will. Das hat Félix noch nicht begreifen wollen. Sie heißt Rose, will mit einem Billig-Ticket nach Mexiko, auf der Flucht vor ihrem langjährigen Freund Sergio, von dem sie die Nase gestrichen voll hat. Das hat Sergio wiederum noch nicht begreifen wollen. Wegen schlechten Wetters und – mal wieder – eines Streiks, treffen diese beiden so unterschiedlichen Menschen, Rose und Félix, nun zusammen, auf dem Pariser Airport Charles De Gaulle. Sie redet und telefoniert hektisch und ununterbrochen, er sitzt und schweigt. Zwei Welten prallen aufeinander. Dennoch landen sie, wenn auch recht unfreiwillig, irgendwann in ein- und demselben Hotelzimmer, wo eine neue Geschichte beginnt…

Die französische Regisseurin und Autorin Danièle Thompson (La bûche) hat mit Jet Lag ein Kammerspiel inszeniert, das nahezu ausschließlich auf dem Pariser Airport angesiedelt ist, später dann nur noch in einem Zimmer eines Flughafen-Hotels. Auf engstem Raum werden hier zwei Menschen, zwei Fremde mit einem völlig konträren Gegenüber konfrontiert und ahnen mit zunehmendem Sich-Bespiegeln, wie ähnlich sie sich im Grunde sind, wie nahe sie sich in all ihren (Verlust-)Ängsten stehen, in ihrem Alleinsein, Unverstandensein auch. Die Eine kaschiert diese Ängste mit jeder Menge Schminke und Gehabe und Getue, der Andere mit Kühle, Distanz und Schweigen. Die Exaltierte und der Stoiker. Beide sind sie darin tiefunglücklich und eigentlich nicht sie selbst, sind sich abhanden gekommen, haben sich im Leben zu sehr verbogen für andere, für den Job, für die Umwelt.

Juliette Binoche und Jean Reno scheinen dabei wie gegen den Rollen-Strich gebürstet und besetzt: So dürfte man die fragil-filigrane Binoche – die übrigens im Frühjahr 2004 auch schon 40 wird – wohl nur selten bis gar nie gesehen haben, sie, die sie etwa in Filmen der beiden Phobien-Meister Krzysztof Kieslowski oder Michael Haneke eher die melancholisch Zurückgezogene spielt. Sie spielt meist Innerlichkeit. Und Reno ist eher der Action-Draufgänger als der still in sich Gekehrte. Er spielt Äußerlichkeit. Danièle Thompson dreht die Sache einfach um, jetzt ist sie für das Getöse zuständig, und er für das stille In-sich-Gehen. Dabei mag ihr Besetzungsspiel zwar aufgehen, doch bis das Drama so richtig in Fahrt kommt, dauert es allerdings allzu lang. Erst die zweite Hälfte des ohnehin nur 85 Minuten kurzen Films Jet Lag zieht an, wird im Plot interessant und nimmt für die gebrochenen Figuren ein. Da entwickelt sich plötzlich was, da entsteht Spannung zwischen den beiden, die sich natürlich mehr und mehr einander annähern, sich gegenseitig demaskieren, bis sie, im übertragenen Sinne, nackt voreinander stehen, sich erkennen, sich nichts mehr vormachen. Als das Spiel zwischen den beiden Figuren aus ist, da beginnt erst das richtig gute Spiel zwischen den beiden Schauspielern. Besser spät als nie. Das ist dann: unterhaltsam. Traurig. Amüsant. Tragisch. Alles zugleich. Eben französisch! Aber erst ab der zweiten Hälfte. 1970-01-01 01:00

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