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Jesus' Son

USA 1999. R: Alison Maclean. B: Elizabeth Cuthrell, David Urrutia, Oren Moverman. K: Adam Kimmel. S: Geraldine Peroni, Stuart Levy. M: Joe Henry. P: Elizabeth Cuthrell, Lydia Dean Pilcher, David Urrutia. D: Billy Crudrup, Samantha Morton, Denis Leary, Jack Black, Holly Hunter, Dennis Hopper u.a.
110 Min. Arthaus ab 24.5.01

Puzzle aus Mythologien

Von Sascha Seiler Alison Maclean wagt in ihrem ersten Film seit dem 1992 in Cannes mit viel Kritikerlob bedachten Crush einen Spagat zwischen christlicher Heilsbringer-Symbolik und den Grundmustern griechischer Mythologie.

Da sich Fuckhead, der Protagonist von Jesus' Son, während des gesamten Films in einem von den Drehbuchautoren minutiös konstruierten Spannungsfeld von Eros und Thanatos befindet, das ihn an der von ihm gesuchten individuellen Bestimmung auf Erden zweifeln läßt, bleibt ihm letztendlich nur die Flucht in eine von seiner christlichen Sozialisierung evozierten Rolle als neuer Heiland. Das Warten auf die sich ankündigende Katharsis erweist sich für den Zuschauer oft genauso als Kampf wie für den Protagonisten. Und als sie dann endlich eintritt, wird der Zuschauer plötzlich von in Rock'n'Roll-Archetypen – »and I feel like Jesus` Son…Heroin…« sang 1967 Lou Reed – eingehüllter Metaphorik geradezu unter Beschuß genommen.

Denn um Fuckhead herum kreist während des gesamten Films der Tod. Gleichzeitig gibt er sich – ein orientierungsloser Jugendlicher in den frühen, vom Bild »Sex, Drugs and Rock'n'Roll« bestimmten 70er Jahren – ganz seinem Begehren hin.

Daß er in jener bedingungslosen Hingabe an fleischliche Gelüste und intravenöse Drogen nicht wie jedes andere Lebewesen um ihn herum untergeht, sondern auf dem Geschehen wie auf Wasser zu wandeln scheint, leitet den Zuschauer zur zentralen mythologischen Konstruktion des Films: Fuckhead wird zu einer postmodernen Jesus-Figur, in der populäre Heilandbilder und christliche Erlösungsmetaphorik wie die Heilung Kranker durch sich wie in einer ewig unfertig wirkenden Collage zu vereinen trachten.

Jesus' Son scheitert trotz teilweise grandioser Ideen – man nehme nur die filmische Umsetzung der Eros/ Thanatos Konstellation, dem Nebeneinander von Tod und Begehren, in der Splitscreen-Einstellung, in der Fuckhead und sein Kumpel Wayne Heroin sich gleichzeitig Heroin spritzen – an seinem Anspruch, die großen Mythologien der Menschheitsgeschichte banalisieren zu wollen. Dadurch, daß er gleichzeitig in Pathos schwelgt, durch seine ruhigen, oft unspektakulären Aufnahmen aber gerade diesen Pathos permanent versucht zu unterlaufen oder gleich gänzlich zu negieren, wirkt der Film in großem Maße zerrissen.

Billy Crudrup spielt auch in einem anderen, vor kurzer Zeit gestarteten Film über die 70er Jahre eine der Hauptrollen. Almost Famous geht den umgekehrten Weg und konstruiert aus einer Banalität eine kleine private Mythologie. Dagegen sehen die bemühten Konstruktionen in Jesus' Son eher wie ein Patchwork, bestehend aus zu Gebrauchsmythologien nivellierten großen philosophischen und religiösen Metaphern, aus. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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