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Jena Paradies

D 2004. R,B: Marco Mittelstaedt. B: Karen Matting. K: Judith Kaufmann. S: Christian Nauheimer. M: Lars Löhn. P: Equinox Film. D: Stefanie Stappenbeck, Luca di Micheli, Bruno Frank Apitz, Hans-Jochen Wagner u.a.
84 Min. Zauberland ab 12.5.05

Louis und die Altbauten

Von Christian Lailach Wenn du in einem Altbau wohnst, in einem richtigen Altbau mit Parkett und hohen Decken, mit einfachverglasten Holz-Doppelfenstern statt der isolierverglasten Variante aus Kunststoff, wenn du hier wohnst und plötzlich stehen die Fensterbauer mit diesen neumodischen Dingern in der Tür… Dann schmeißt du doch einfach die Tür wieder zu und sagst, du hättest keine Lust. Immer wieder. Wenn du also hier lebst, kannst du keine Probleme haben. Keine wirklichen, weltbewegenden Probleme. Dann ist dein Leben eigentlich nicht verfilmenswert.

Das trifft auch auf die Geschichte in Jena Paradies zu: Louis mag seine Großeltern kennenlernen, seine Mutter mit dem neuen Nachbarn flirten, die Fußballmannschaft Bier trinken, ihr Trainer für das kommende Spiel trainieren. Nichts Außergewöhnliches. Louis und die Fußballmannschaft sind dabei das verbindende Element zwischen der rastlosen, alleinerziehenden Jeanette und dem ruhigen Platzwart Harry, bei dem sie den Rasen pflegt, die Jungs mit Bier versorgt und er ab und an Louis die Geheimnisse um das Heiligtum des Platzes erklärt. Als schließlich Louis' Großmutter zu Besuch kommt und die Mannschaft nicht zum Spiel antritt, entwickelt der Name des malerischen Jenenser Stadtteils eine leicht zynische Doppeldeutigkeit.

Individuell persönliche, unspannende Probleme des gemeinen Mitteleuropäers bilden also die Grundlage des Films. Doch Mittelstaedt scheint sich dessen bewußt, baut selbigen, ob dessen Alltags-Tristesse, rein mit der Ruhe und Gleichförmigkeit der Darsteller auf, verleiht ihm damit sogar etwas Liebliches. In den Details, im Leben zwischen dem Geschehen schimmert ständig eine unbedachte Natürlichkeit – keine Tendenz zu den Extremen: weder zu dem der erzwungenen Oh-Nein-Du-Hier-Dialoge, noch zu dem der völlig unrealistischen Magd-Sucht-Prinz-Geschichten. Statt dessen unauffällige Anmerkungen, die Alltag und Kritik zu vereinen versuchen. Das Experiment des »nicht wahrgenommenen Films« ist sicher kein neues, sofern es überhaupt existiert. Dann jedoch ein klassisch umzusetzendes, dem in vielen anderen Fällen der Grat zwischen den Extremen zu schmal ist.

Letztlich kann ein solcher Film nur unterhalten. Solange Jena Paradies keinen Anspruch darauf erhebt, mehr zu wollen, bleibt einzig die Frage, ob er sich im Kino heimisch fühlt oder nicht eher im Spätprogramm der Öffentlich-Rechtlichen mehr und vor allem gerechtere Beachtung finden würde. 1970-01-01 01:00
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