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Jeans

D 2001. R,B,D: Nicolette Krebitz. K: Bella Halben. S: Sara Schilde. M: Edition Terranova. P: Exercise 4. D: Oskar Melzer, Marc Hosemann, Jana Pallaske, Mavie Hörbiger, Benno Fürmann, Rainald Goetz u.a.
80 Min. X-Verleih ab 31.10.02
Von Oliver Baumgarten Die Jeans dürfte der größte gemeinsame Nenner sein, den der Modegeschmack jemals zulassen wird. Klar, da gibt es Unterschiede, sehr große sogar, aber im Zweifel eint die Volkshose an sich die Gemüter flächendeckend. Irgendwie modern und doch kolossal unauffällig, irgendwie trendy und doch sagenhaft uninspiriert trägt jeder mit seiner Jeans gleich auch ein Stück Einheitsidentität mit sich herum.

Die jungen Leute in Jeans und gleichsam in Jeans suchen sie auch noch, die eigene Identität, und schlagen sich mal schlecht, mal recht mit ihren Kleinejungs- und -mädchenproblemen herum: Boy Meets Girl, komm' ich heute, komm' ich morgen, was kostet die Welt, ich kann sie eh nicht bezahlen. Jeder Moment bedeutet alles und bedeutet nichts und bedeutet doch einen Schritt bei der ewigen Suche meiner Generation, die hoffentlich bald irgendetwas finden wird.

In Nicolette Krebitz' Langfilmdebüt geht es weniger ums Was der Erzählung als um das Wie. Jeans beschreibt einen sattsam bekannten Zustand, der, für sich genommen, nicht jeden ansprechen wird und eher langweilt. Nicolette Krebitz' Qualitäten aber liegen, das zeigte bereits ihre wunderschöne Episode zu den 99-Euro Films, nicht im Narrativen, sondern im Atmosphärischen einer Erzählung. Dort gelingen ihr im Zusammenspiel von Kamera und Musik außergewöhnliche Momente dichter Stimmung und einer Faszination, wie sie nur etwas Visuelles hervorzurufen vermag. Gleich der Einstieg des Films arbeitet mit atmosphärischen Bildern und weist eindrücklich auf die Betonung des Visuellen: Bäume, Blätter, Sonne, Park, Relaxen – verträumte Assoziationen vom Berliner Sommer, das In-die-Sonne-Blinzeln an einem faulen Tag, ursprünglich montiert und in fast warme DV-Optik gefaßt. Mit der Kamerafrau Bella Halben entwickelt Krebitz eine Art romantischen Realismus, dessen Eigendynamik sich von Beginn an überträgt – nicht nur auf die Zuseher, sondern in gewisser Weise auch auf die Darsteller, deren Rhythmus hervorragend harmoniert mit dem angenehm sommermüden Tempo des Films, der Erzählung, der Bilder. Verträumt und dann auch wieder neugierig finden Krebitz und Halben manchmal jenen naiven Blick auf die Welt, der vielen Routiniers irgendwann verlorengeht. Und an solchen Stellen dann verknüpft sich das visuelle Konzept mit dem Was der Erzählung, mit der Zufriedenheit über die eigene Naivität seitens der Figuren, mit der Suche als Selbstzweck im Schwebezustand.

Jeans repräsentiert in gewisser Weise einen kleinen Sieg der Bilder über die Worte. Wäre dem nicht so, verharrte der Film in Belanglosigkeit. So aber ist er spannendes Zeugnis beherzten Kinos einer vielversprechenden Filmemacherin. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #28.
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