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Jarhead – Willkommen im Dreck

Jarhead. USA 2005. R: Sam Mendes. B: William Broyles jr.. K: Roger Deakins. S: Walter Murch. M: Thomas Newman. P: Universal, Red Wagon. D: Jake Gyllenhaal, Peter Sarsgaard, Lucas Black, Jamie Foxx u.a.
122 Min. UIP ab 5.1.06

Sinn und Sinnlichkeit

Von Patrick Hilpisch Jarhead könnte man eigentlich als legitimes Prequel zu David O. Russells filmischer Pionierarbeit in Sachen Golfkrieg Three Kings verstehen. Denn Sam Mendes bildet in seinem Film eben jene Tristesse und Frustration der an der Operation »Desert Storm« beteiligten Soldaten ab, welche diese in Russells Film dazu veranlassen, die Action selbst in die Hand zu nehmen.

Auf der Grundlage der 2003 veröffentlichten Memoiren des Golfkriegsveteranen Anthony Swofford entwirft Mendes ein verstörend ironisches Bild individuell erlebter Kriegsrealität.

Nach einer knallharten Ausbildung (Full Metal Jacket stand hier Pate) zum Scharfschützen des US Marine Corps gedrillt, wird Swoff Anfang 1991 zum Schutz kuwaitischer Ölfelder in den Nahen Osten versetzt. Noch trägt die Operation den Namen »Desert Shield«.

Doch anstatt des langersehnten ersten Feindkontakts und dem Setzen des »perfekten« Schusses ist zunächst Abwarten und Stellunghalten angesagt. Der einzige Kampf, der täglich gefochten wird, ist der Kampf gegen die allgemeine Dehydrierung der Kampftruppe. Der Kreislauf von »Schwitzen, Saufen und Pissen« bestimmt die tägliche Routine. Ein kleiner Skandal, wurden die Soldaten doch mit solchen Sprüchen wie »Ein guter Marine tötet! Tötet er nicht, ist er kein guter Marine!« indoktriniert. Der Spitzname der Marines »Jarheads« beschreibt diesen Status als beliebig befüllbares »Gefäß« daher treffend.

Mit absurden Spielereien, einfältiger Kriegsfilmlektüre und Masturbation wird versucht, dem Lagerkoller entgegenzuwirken. Doch wirklich effektiv sind diese »Beschäftigungstherapien« nicht. Vom unerträglichen Warten mürbe gemacht, offenbart die vermeintlich perfekte Funktionseinheit »Marine« nun ihr wahres, (un-)menschliches Gesicht, und all die individuellen Unzulänglichkeiten, Ängste und Verarbeitungsmechanismen kommen angesichts dieser Extremsituation an die Oberfläche.

Als aus »Desert Shield« »Desert Storm« wird, der Krieg also vom Verteidigungs- zum Angriffszustand wechselt, müssen die noch immer kampfhungrigen Männer feststellen, daß ein Krieg, der vor allem aus der Luft mit hochentwickelten, lasergelenkten Waffensystemen geführt wird, nicht viel übrig läßt für den gemeinen Fußsoldaten. Die ernüchternde Bilanz nach dem plötzlichen Ende des Krieges: Nicht eine Kugel wurde auf feindliche Soldaten abgefeuert. »Ein guter Marine tötet! Tötet er nicht, ist er kein guter Marine!«

In der Darstellung dieses sinnentleerten und funktionsberaubten Soldatendaseins stellt der Film nicht nur die Frage nach dem Sinn eines Krieges, sondern spiegelt auch das Bild einer perspektivlosen Generation – der Generation X. Swoff und seine Kameraden können mit ihren persönlichen Backgrounds und zynischen Lebenseinstellungen als geradezu prototypische Vertreter dieser desillusionierten Generation der Neunziger angesehen werden. Vor allem durch die Verwendung zeitgenössischer Rocksongs unterfüttert Mendes diesen Deutungsansatz. Nirvanas »Something in the way« steht da an prominenter Stelle.

Die ungeschminkte Authentizität, mit der der Film diesen »Krieg in der Warteschleife« darstellt, und die sich daraus ergebenden Ambivalenzen können als die größte Leistung des Films angesehen werden. Dies verdankt sich zum einen Kameraroutinier Roger Deakins, der durch seinen effektiven Handkameraeinsatz eine Begegnung auf Augenhöhe möglich macht, ohne auf jene Bilder von surrealer Schönheit und Sinnlichkeit zu verzichten, die schon die vorangegangenen Regiearbeiten Sam Mendes' ausgezeichnet haben.

Zum anderen bieten vor allem die emotionale Vielschichtigkeit der Hauptfigur Swoff und seines Spähers Troy eine interessante und kontroverse Reibungsfläche. Der Film entzieht sich auf diese Weise nicht nur einer klassischen »Pro oder Contra«-Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg, sondern eröffnet einen höchst individualpsychologischen Blickwinkel auf die Thematik, inklusive fragwürdiger Handlungsmuster und Widersprüchlichkeiten. Indem er den Zuschauer »zwingt«, diesen Zwiespalt auszuhalten, stellt der Film ihn vor eine große Herausforderung. Doch wird diese gemeistert, gelingt es Jarhead, für ein realistischeres und differenzierteres Bild vom Mensch im Kriegszustand zu sensibilisieren. 1970-01-01 01:00
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