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Japón

MEX/E 2002. R,B: Carlos Reygadas. K: Diego Martinez Vignatti. S: Carlos Serrano Azcona, Daniel Melguizo, David Torres. M: Arvo Pärt, Dimitri Schostakowitsch, Johann Sebastian Bach. P: NoDream Cinema. D: Alejandro Ferretis, Magdalena Flores, Yolanda Villa, Martín Serrano u.a.
122 Min. Arsenal ab 5.6.03

Spröde Schönheit

Von Tamara Danicic Zittrig verläßt die Kamera eingangs die Obhut der Großstadt – fast so, als hätte sie ein wenig Angst vor der rauhen Landschaft, die sie erwartet. Lieblich kann man das Reiseziel, einen Canyon im Landesinneren Mexikos, wahrlich nicht nennen. Eine Umgebung, in der Fruchtbarkeit und Tod in Symbiose leben, ein geeigneter Platz, um zu sterben. Die Hauptfigur, ein namenlos bleibender Mann um die fünfzig, dem sich das Leben in den Furchen seines Gesichts eingeschrieben hat, braucht offenbar solch einen Ort, wo er das wegwerfen kann, »was nicht mehr taugt«, d.h. seinem Leben ein Ende setzen kann. Vorübergehenden Unterschlupf wie Halt findet er bei Ascen, einer alten, einsamen Frau, deren einzige Fixsterne im Leben Jesus und die Jungfrau Maria zu sein scheinen. Der eingeschliffenen Konventionen und Umgangsformen entledigt, entdeckt der Mann seine Instinkte und Emotionen wieder, die sich nun ungehindert Bahn brechen können.

Vielleicht bedurfte ja auch der 31jährige Filmemacher Carlos Reygadas eines derartigen Landstrichs (der ihm aus seiner Kindheit vertraut war), um den Zuschauer traumwandlerisch durch seine Geschichte zu führen. Es geht um die »großen« Themen Tod und Sexualität, die hier zum x-ten Mal in der Filmgeschichte, aber aufregend anders erzählt werden. Damit ist jedoch keineswegs der Tabubruch gemeint, wenn ein schrumpliger, verfallender Körper im Liebesakt gezeigt wird. Vielmehr durchzieht die grobkörnigen Cinemascope-Bilder eine zwischen semidokumentarischer Aufzeichnung und Mut zum Pathos wie auch zum Makel oszillierende archaische Poesie, wie man sie selten findet. Potenziert wird dies auf der achtsam ausgearbeiteten Tonebene. Alltägliche Geräusche bringen die Stille des abgeschiedenen Tales erst hervor; teilweise werden sie verstärkt, um in ihrer Hyperpräsenz die innere Anspannung des Protagonisten zu spiegeln. Musikalisch fortgeführt wird dessen Seelenzustand durch Stücke von Arvo Pärt, Bach und Schostakowitsch.

Die Reise, auf die Reygadas das Publikum mitnimmt, ist eine zyklische. Sie führt vom Leben in den Tod und vom Tod ins Leben. Im Zentrum der Kreisbewegung, die sich nicht zuletzt auch in langsamen, tastenden 360°-Schwenks und einer grandiosen, sogartigen Schlußeinstellung niederschlägt, steht jedoch keine Botschaft oder Gebrauchsanweisung. Vielmehr zeichnet der Film Wahrnehmungen, Begegnungen, Sinnfragmente auf – als gelte es, Beweismaterial für eine Realität zu sammeln, die sich zu keinem bruchlosen Ganzen fügen will. Entscheidend dazu beigetragen hat die Arbeit mit Amateuren, die keine fixierten Dialoge, sondern nur eine grundsätzliche Richtung vorgegeben bekamen und dergestalt ihre eigenen Geschichten und Charakterzüge mit hineintragen konnten. Entsprechend ist auch der bewußt assoziative Titel zu lesen: »Japan«, ein Wort, das in den Raum gestellt wird, das nicht beschreiben soll, das sich einer Aneignung durch die Geschichte beharrlich verweigert.

Auf seine Vorbilder angesprochen, nennt Reygadas – der ursprünglich eine juristische Karriere eingeschlagen hatte, bevor es ihn an die Brüsseler Filmhochschule verschlug – an erster Stelle Andrej Tarkowski. Und wie auch dem russischen Meister lange Zeit suggeriert wurde, daß niemand seine Filme brauche oder verstehe, mußte der junge Mexikaner mit seinem zweifellos sperrigen Werk einen (finanziell) beschwerlichen Weg zurücklegen, bevor auf dem Rotterdamer Festival 2002 aus Dornen endlich Lorbeeren wurden. 1970-01-01 01:00
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