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Jahre der Zärtlichkeit

The Evening Star. USA 1996. R,B: Robert Harling. K: Don Burgess. M: William Ross. S: David Moritz, Priscilla Nedd-Friendly. D: Shirley MacLaine, Juliette Lewis, Miranda Richardson, Bill Paxton, Ben Johnson,u.a.
129 Min. BV ab 24.4.97
Von Ralf Möller Eigentlich war The Evening Star (wir vergessen hier schnell den deutschen Titel) ein vorprogrammierter Hit an der Kinokasse. Als Sequel eines oscardekorierten Kassenschlagers aus den Jahr 1983, Terms of Endearment (Zeit der Zärtlichkeit), und mit der gleichen Hauptdarstellerin, Shirley MacLaine, als weiterem Zugpferd. Da kann eigentlich nicht viel schief gehen, vor allem weil Regieneuling Robert Harlin als Autor von Steel Magnolias auf ähnlichem Terrain schon recht erfolgreich war. Doch die Produzenten hatten die Rechnung ohne die amerikanische Filmkritik gemacht, die den Film einhellig verriß. Warum, bleibt mal wieder ein Rätsel, denn The Evening Star ist besser als sein Ruf.

Das Matriarchat regiert immer noch im Hause Greenway. Aurora (Shirley MacLaine) kämpft auch 15 Jahre nach dem Tod ihrer Tochter Emma (Debra Winger in Terms of Endearment) immer noch einen Kleinkrieg mit ihrer Familie und ihren Freunden, um diese Vormachtstellung beizubehalten. Ihre Enkel hat sie, zumindest aus ihrer Sicht, nur mit mäßigem Erfolg erzogen, und die Liebe ihres Lebens hat Aurora auch noch nicht gefunden.

Man kann The Evening Star schon als eine Art One-Woman-Show von Shirley MacLaine bezeichnen. Sie ist das Zentrum des Films. Alles um sie herum dient nur zur Unterstützung. Ob das nun Juliette Lewis ist, die ihre jüngste Enkelin spielt, mit der sie Kämpfe austrägt, die denen mit Debra Winger aus Terms of Endearment doch stark gleichen, oder aber auch der von Bill Paxton gespielten Seelenklempner Jerry, der einen Mutterkomplex besitzt und mit dem sie eine Affäre hat. Einzig der Auftritt von Jack Nicholson, neben Shirley MacLaine einziges Überbleibsel des cast des ersten Teils, kurz vor Ende des Films wirkt ein wenig aufgesetzt.

Für Ben Johnson als liebenswerter Nachbar Arthur war The Evening Star der letzte Auftritt. Der große Nebendarsteller zahlloser Western (vor allem in denen von John Ford) schließt auch einen weiteren Kreis, nämlich den zu Larry McMurty. Auf den Büchern des texanischen Autors basiert nicht nur dieser Film und sein Vorläufer, sondern er lieferte auch die Vorlage zu Peter Bogdanovichs Last Picture Show und Texasville, in denen Johnson ebenfalls mitspielte. Wo Bogdanovich jedoch eine ganze Generation am Zerfall einer texanischen Kleinstadt charakterisiert, liefert Robert Harlin mit The Evening Star dann doch nur family soap, aber auf sehr unterhaltsame Weise und nicht ganz so gefühlsduselig wie sein erfolgreicherer Vorgänger. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #06.
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