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Das Jahr der ersten Küsse

D 2002. R: Kai Wessel. B: Sathyan Ramesh. K: Hagen Bogdanski. S: Tina Freitag. M: Gerry Arling, Richerad Cameron. P: D&D Film- und Fernsehproduktion. D: Oliver Korittke, Max Mauff, Diane Siemons-Willems, Thomas Drechsel, Luana Bellinghauesen u.a.
100 Min. Buena Vista ab 10.10.02

Life is live

Von Sascha Seiler Thematisiert man einen Lebensabschnitt im Kontext kollektiven Erinnerns, ist es mittlerweile Usus, die behandelten Zeiträume in Jahrzehnte einzuteilen. Jedes erhält hierbei eine historische Codierung, die sich meist in Pop-Elementen erschöpft. Sind die 60er Jahre ein Jahrzehnt popkompatibler linker Ideologie und des Strebens nach einer sich in subjektiven Vorstellungen erschöpfenden sozialen Veränderung, muß man sie gleichzeitig als ein Jahrzehnt populistischer Verallgemeinerungen sehen, die in den frühen 70er Jahren in dem Ende ihrer eigenen utopistischen Vorstellungen mündeten.

Aus diesem Grund sind die 70er Jahre ein Zwischenspiel, von den Zurückgebliebenen aus den 60ern werden sie als das Erwachen aus dem Hippie-Traum lamentiert, von den Spätgeborenen als Geburtsjahrzehnt des schlechten Geschmacks, der in den 80ern seine bürgerliche Ausbreitung finden sollte. Autoren wie Florian Illies ziehen das Jahrzehnt »that fashion forgot« ins Lächerliche, indem sie ihre subjektive Geschmacksverirrung als frühes Stadium des ausgefeilten Markenfetischismus der 90er darstellen. Die Spaß-Generation mitsamt der angeblich ihr Handeln dominierenden ironischen Brechung jedenfalls kann sich immer noch köstlich über den tausendsten 80er-Sampler amüsieren, während sie T-Shirts mit 80er-Jahre-Logos spazierenträgt.

Problematisch an der Rezeption ist nur, daß die Generation der Um-die-dreißig-Jährigen tatsächlich einem nostalgischen kollektiven Erinnerungswahn verfällt, dessen Ursprünge aufgrund der unbewußten Vereinnahmung durch die populäre Kultur damals noch nicht erahnt werden konnten; nicht zuletzt, weil auch die Poptheorie in ihren Kinderschuhen steckte.

Hendrik Handloegtens Paul is dead thematisierte vor zwei Jahren als bislang einziger Film die frühen 80er Jahre in ihrem kleinbürgerlichen Mief konsequent und – vor allem – lediglich als Randerscheinung. Nur so konnten die typischen Elemente der Epoche zur Geltung kommen – als Teil des individuellen Lebens, nicht als dessen Zentrum.

Den Fehler der Überschätzung eines kulturellen Umfelds begeht Kai Wessel in Das Jahr der ersten Küsse ebenfalls nicht, er erzählt souverän seine Geschichte; eine Geschichte über den Anfang der Teenagerzeit, die erste Liebe und den langsamen Eintritt in die Erwachsenenwelt. Die Rahmenhandlung ist melodramatisch, doch am Ende steht tatsächlich ein Abschiednehmen und keine versöhnliche Lösung. Das Erinnern an die Mitte des Jahrzehnts ist eine liebevolle Rekonstruktion der Alltagskultur, eine Reminiszenz an die schrecklichen Frisuren und Klamotten, die einfältige Musik, natürlich noch nicht von CD, und das unvermeidliche HB-Männchen vor jedem Kiosk.

Das Jahr der ersten Küsse ist trotz seines klischeehaften Teenager-Klamauks aus zwei Gründen gelungen: Weil er erstens die leichte Geschichte meisterhaft in eine schwermütige Rahmenhandlung setzt und zweitens seinen Plot aus jenem kollektiven Erinnern an die 80er Jahre konstruiert, das die Identifikation forciert. Damit gelingt es dem Film über den Umweg des Identifikationszwanges, im Zuschauer Gefühle zu erwecken; ein Unterfangen, das bei ähnlichen Geschichten meist scheitert.

Erinnern bedeutet für den Protagonisten Tristan gleichzeitig persönliche Trauerarbeit sowie Verarbeitung kollektiver Erlebnisse im Rahmen der omnipräsenten Alltagskultur. Vielleicht möchte Wessel seine Protagonisten als Symbole sehen, von denen sich Tristan verabschieden muß, um im Alter von 35 Jahren endlich erwachsen zu werden. Vielleicht steht der Tod seiner Frau für den dringenden Wunsch, die Vergangenheit zu begraben. Kein Wort gibt es über die 90er Jahre, Tristan hat sie einfach nicht erlebt. Es wird langsam Zeit, ins Leben zu treten. 1970-01-01 01:00

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