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Jackass – The Movie

USA 2002. R,B: Jeff Tremaine. B: Spike Jonze, Johnny Knoxville. K: Dimitrj Eljaschkewitsch. S: Liz Ewart, Mark Hansen, Kristine Young. P: Dickhouse, Lynch Syderow Prods. D: Johnny Knoxville, Bam Margera, Chris Pontius u.a.
85 Min. UIP ab 27.2.03

Anale Kompensation

Von Sascha Seiler Oberflächlich betrachtet hat man es hier mit einer tumben Aneinanderreihung geschmacklos übertriebener Teenager-Streiche zu tun, ausgeführt von grenzdebilen Erwachsenen, die sich nicht zu schade sind, sich Plastikautos anal einzuführen, ihren Anus als Halterung für Feuerwerkskörper zu mißbrauchen oder, mit einem rohen Hähnchen an der Unterhose, einen Drahtseilakt über dem Alligatorenteich zu vollbringen. Doch bei all dieser Analfixierung sollte dem psychologisch aufmerksamen Zuschauer nicht entgehen, daß die unsichtbaren Strukturen, welche den Scherzen der Truppe um Johnny Knoxville zugrunde liegen, eine tiefere Bedeutung beinhalten und bei näherer Betrachtung einen archaischen kulturellen Sinn offenbaren.

Betrachtet man sich die aus oben erwähnten Beispielen deutlich hervorgehende Analfixierung der Protagonisten, so wird schnell deutlich, daß vieles in diesem Film auf ein nicht ausgesprochenes Coming-Out deutet: Der Männerbund der Jackasser ist vielmehr eine Art Selbsthilfegruppe für frustrierte Homosexuelle, die aus Angst vor ihrem sozialen Umfeld (dem sensationshungriger weißer amerikanischer Vorstadtkids) ihre innigsten Triebe durch Kompensationsriten zu vertuschen suchen. Ähnlich verhält es sich mit der Bürde, der weißen amerikanischen Mittelschicht anzugehören: Die Angst vorm schwarzen Mann, die der WASP Gesellschaft immanent ist, resultiert meist aus einer Art neidischen Blick auf die befreienden heidnischen Stammesriten, die durch den HipHop in der modernen afro-amerikanischen Gesellschaft weiterlebt. Doch während das afro-amerikanische Publikum zunehmend die scheinbar weichgespülte Variante, den R&B, favorisiert, fällt das weiße Publikum auf die Potenzprotzerei des HipHop herein, verkennend, daß die R&B Musik sexuell wesentlich aufgeladener ist und die wahren Gangsta sich eher in deren Umkreis bewegen.

Also unternimmt die Jackass Truppe unentwegt den Versuch, das Dionysische des gefürchteten schwarzen Mannes zu imitieren, in der Hoffnung, die Furcht vor ihm möge schwinden.

Daß die protestantische Moral aber trotz der Imitation Dionysischer Rituale dominierend bleibt, zeigt sich am Beispiel des Steve-O. Dieser scheinbar furchtlose Vertreter der Jackass-Spezies, der nichts und niemanden fürchtet und dem kein Streich zu ekelhaft ist (Erbrochenes essen, Urin trinken, Off-Road Tattoos, was soll man noch sagen – wem das alles zu soft ist, dem sei »The Steve-O Video« empfohlen) und der vor allem mit einer ausgeprägten Analfixierung daherkommt (im »Steve-O-Video« tackert er sich die Genitalien an den Oberschenkel, aber das ist eine andere Geschichte), fühlt sich moralisch nicht in der Lage, seinen Hintern für das Spielzeugauto herzugeben.

»Hey Mann, Steve-O, warum willst du das denn nicht machen?« »Hey Mann, ich habe mit meinem Dad gesprochen, und der findet das nicht gut. Ich meine, Mann, der findet das moralisch nicht gut, wenn ich mir so ein Auto in den Arsch schiebe, Mann, das kann ich meinem Dad einfach nicht antun.«

Die ganze repressive Moral der amerikanischen Mittelschicht, ihre Angst vor der gleichgeschlechtlichen Liebe, die Verdrängung einer möglichen eigenen Homosexualität und der Fakt, das jegliches angeblich dionysische Ritual in Wahrheit einer moralischen Diktion, die tief im amerikanischen Bewußtsein verwurzelt ist, unterliegt, kommt vor allem in dieser Szene am Ende des Films deutlich zum Vorschein.

Insofern ist dieses Drama um die Versuche einer ganzen Generation, aus einem standardisierten Alltag auszubrechen und sich hemmungslos dem Hedonismus hinzugeben und ihr fast tragisches Scheitern im Kontext einer Untersuchung verdrängter archaischer und heidnischer Riten unumgänglich. 1970-01-01 01:00
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