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Islandfalken

Falcon. ISL/N/D/GB 2002. R,B: Fridrik Thor Fridriksson. B: Einar Karason. K: Harald Paalgard. S: Sigvaldi J. Karason. M: Hilmar Örn Hilmarsson. P: Icelandic, Filhueset, Rommel Film. D: Keith Carradine, Margrét Vilhjálmsdóttir, Ingvar E. Sigurdsson, Axel Prahl u.a.
96 Min. Ventura ab 4.9.03

Seltsame Vögel

Von Stefan Höltgen Simon, ein schweigsamer Amerikaner mit mysteriösem Flair, reist nach Island, der Heimat seiner Mutter. Dort will er sein verpfuschtes Leben beenden. Bevor er seinen Plan jedoch ausführen kann, trifft er Dúa, eine eigenwillige junge Künstlerin, von der er glaubt, sie könne seine Tochter sein. Nach einem Konflikt mit der örtlichen Polizei, bei dem Simon Dúa mit Waffengewalt zu Hilfe eilt, bleibt dem ungleichen Paar keine andere Wahl als die Flucht aufs Festland. In ihrem Reisegepäck befindet sich ein Islandfalke, einst das begehrteste Exportgut der Insel. In Hamburg will Simon das Tier an reiche Araber verkaufen. Aber Dúa hat ganz andere Pläne …

Islandfalken beginnt mit einem zittrigen Kameraflug, der Landung eines Flugzeugs auf dem Flughafen von Reykjavik. Und von diesem Moment an ist der Film bestrebt, seine Erzählung auf die soziale und emotionale Augenhöhe des Inselstaates und seiner Bewohner zu bringen. Er schildert ein Island, das fernab vom Wildnis- und Abenteuer-Klischee Einöde ist. In dem kleinen Ort, in dem sich Simon niederläßt, wirkt alles beengend. Die Bewohner fristen ihr Dasein in verfallenden Häusern oder betrinken sich in der Kneipe. Eine Gemeinschaft der Gleichen, in die Simon und Dúa so gar nicht passen, weswegen beide von den Einwohnern gemieden und gehaßt werden. Fast zwangsläufig steuert die Erzählung also auf das Zusammentreffen der beiden Außenseiter zu, und genauso unausweichlich kettet er beider Schicksale aneinander. In seiner Konzentration um Simon und Dúa geraten der soziale Kontext und die Nebendarsteller allerdings schnell in den Hintergrund, und schon bald sieht sich der Zuschauer mit einem Set von behaupteten Verhaltensweisen und blassen Figuren konfrontiert. So etwa der Ortspolizist Johann, der anfangs nur von Mißtrauen beherrscht zu sein scheint. Er steigert sein Handeln ins Irrationale, als er aus Eifersucht und Rache Dúas Anwesen niederbrennt und alle ihre Hunde erschießen läßt. Es scheinen also weniger die sozialen Umstände, als der mangelnde Einfallsreichtum des Drehbuchs zu sein, der Simon und Dúa schließlich in die Fremde treibt.

Konnte Islandfalken auf der Insel aber wenigstens noch mit seinen Naturbildern beeindrucken (was natürlich vor solch einer Kulisse kaum eine Kunst darstellt), so scheitert er, als die beiden in Deutschland ankommen, vollständig. Simons Bemühungen, mit der Hamburger Unterwelt Kontakt aufzunehmen, um den Falken zu verkaufen, wirken unglaubwürdig. Die Rotlicht-Gangster sind allenfalls Schemen ihrer selbst und Simons Aufbegehren gegen sie – in einer der schlechtest inszenierten Schießereien seit langem – daher ohne wirkliche dramatische Tiefe. Dúa indes wird vom Drehbuch in den Okkultismus hineingedrängt und in ihrer Motivation und Entwicklung immer unglaubwürdiger. Als sich die Beziehung beider schließlich zu einer Vater-Tochter-Geschichte verdichten soll, die auf einen dramatischen Höhepunkt zuläuft, zeigt sich, daß Islandfalken versagt hat.

Einiges in Fridrik Thor Fridrikssons Film erinnert an Werner Herzogs Stroszek (1978), in dem drei Berliner, bedroht von Kriminellen, aus Deutschland flüchten, in die USA aufbrechen und dort an ihren Wünschen scheitern. Allein, die Konsequenz, mit der die Figuren bei Herzog entwickelt werden und auf die soziale Wirklichkeit aufprallen, geht Fridrikssons Film vollständig ab. Zwar wird stets behauptet, das Simon und Dúa »etwas suchen« und dabei das Glück abseits gesellschaftlicher Konformität auch finden, doch ist das Scheitern, das aus der Kollision ihrer Wünsche mit der Wirklichkeit entsteht, unglaubhaft, weil sie nie nahe genug an die soziale Wirklichkeit heranreichen.

Daran muß man neben der Erzählung auch dem Spiel der beiden Hauptdarsteller Schuld geben. Keith Carradines Simon strahlt zwar die gewünschte amerikanische Gleichgültigkeit und Entschiedenheit aus, wirkt jedoch in der Beziehung zu den anderen Figuren (vor allem zu Dúa) stets gelangweilt und lustlos. Margrét Vilhjálmsdóttir, die die Dúa gibt, ist im Gegenteil wie manisch damit beschäftigt, ihrer Figur mysteriöse Tiefe zu verleihen; ihr steht jedoch ein allzu präsenter Carradine und die erwähnte mangelhafte psychologische Grundierung des Drehbuches im Weg. So bleibt am Ende einzig der Falke authentisch zwischen der eigenartigen Geschichte und ihren »komischen Vögeln« – und der Eindruck, daß Fridriksson mit seinem Film zwar viel gewollt, aber wenig erreicht hat. 1970-01-01 01:00
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