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Irreversibel

Irréversible. F 2002. R,B,K,S: Gaspar Noé. K: Benoît Debie. M: Thomas Bangalter. D: Monica Bellucci, Vincent Cassel, Albert Dupontel, Jo Prestia u.a.
99 Min. Alamode ab 11.9.03

Verkehrte Welt

Von Thomas Warnecke Ein alter Mann sitzt in der Badewanne und erklärt seinem Gegenüber: »Es gibt keine Untaten, nur Taten.« Die Handkamera geht durchs Fenster und blickt in einen Hof, wo vor der Schwulendisco »Rectum« eine Leiche abtransportiert und die Mörder abgeführt werden. Der eine, Marcus, hat zusammen mit Pierre, dem Ex-Freund seiner Freundin Alex, blutig Rache genommen für ihre Vergewaltigung. Ob es den »Richtigen« getroffen hat, ist nicht genau auszumachen (das Presseheft teilt mit, es habe den »Falschen« getroffen), weil das Gesicht des vermeintlichen Vergewaltigers mit einem Feuerlöscher zermatscht wird, da wollte der Rezensent lieber nicht so genau hinsehen. Gaspard Noé hat die Geschichte der Beziehung, Vergewaltigung und Rache in einzelne Kapitel oder Akte oder Stationen unterteilt, die für sich jeweils so gut wie ohne Schnitt gefilmt sind, und läßt diese Kapitel in umgekehrter Reihenfolge ablaufen. So geht es weiter vorwärts bzw. zurück über die Vergewaltigung Alex', die Party, von der sie alleine aufbricht, ihr gemeinsames Leben mit Pierre bis zum idyllischen Schlußbild, das eigentlich ein Anfangsbild ist, und das im doppelten Sinn, weil Alex wie ein Embryo gekrümmt im Park liegt und der Zuschauer weiß, daß sie schwanger ist. Trotzdem, mit dem Kreisen und Sich-entfernen der Kamera sieht es aus wie ein Schlußbild.

Die banale Aussage des Films ist, daß alles unumkehrbar ist im Leben, oder, wie es der Pressetext bedeutungsschwer behauptet, »daß die Zeit alles zerstört.« »Zeit heilt alle Wunden«, sagt ein Sprichwort. Der Punkt ist, daß der ganze Film so aussieht, als sei er nichts anderes als die kompromißlose Umsetzung seiner titelgebenden These: unumkehrbar, ungeschnitten, ungeschönt. Mord und Vergewaltigung als die denkbar stärksten, sozusagen unumkehrbarsten Formen zerstörerischer Gewalt sind da nur noch Metaphern, Männer an sich gefühllos und gewalttätig, Monica Belucci nichts anderes als die Allegorie des ewigen Opfers Frau. Nichts ist langweiliger als das: Die Bilder lösen sich in Erklärungen auf, und damit hat's sich. Die beabsichtigte Aufregung, die der Film mit seiner tatsächlich nur schwer erträglichen Gewalt, der fünfminütigen quasi-dokumentarischen Vergewaltigung vielleicht auslösen wird, wird bald einem Achselzucken weichen, und der Film wird in den Videosammlungen der Gewaltgeilen verschwinden, neben Michael Hanekes Funny Games. Oder, wegen der zweiten, idyllischen Hälfte, bei denjenigen, die sich Monica Belucci ausgiebig nackt ansehen wollen. »Viel Vergnügen!« 1970-01-01 01:00

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