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Iris

USA 2001. R,B: Richard Eyre. B: Charles Wood. K: Roger Pratt. S: Martin Walsh. M: James Horner. P: BBC, Intermedia, Mirage, Miramax. D: Kate Winslet, Hugh Bonneville, Judi Dench, Jim Broadbent u.a.
90 Min. Buena Vista ab 16.5.02
Von Manuela Brunner Die Angst, daß einem die Worte davonlaufen könnten, ist die Ur-Angst vieler schreibender Menschen, insbesondere vieler Frauen, so scheint es – von Ingeborg Bachmann oder Hilde Domin kennen wir sie, aus ihrer Lyrik, kurz vor dem Verstummen. Was aber der britischen Schriftstellerin Iris Murdoch geschehen sein muß, als die Alzheimer-Krankheit ihr die Worte schleichend, eins nach dem anderen, entzog – das ist schwer vorstellbar. Richard Eyres Film macht es zumindest erahnbar.

Schwierig fand es Judi Dench, wenn man den Presseinfos glauben darf, gegen den Ruhm der »echten« Iris anzuspielen. Schwierig gestaltet es sich ohnehin oft für die Schauspieler, aber auch für die Zuschauer, wenn im Biopic eine bekannte historische Persönlichkeit von einer bekannten Darstellerin verkörpert wird. Man denke nur an die Probleme, die Romy Schneider mit ihrer Rolle als Sissi auszustehen hatte oder den Kraftakt, in dem sich Madonna die Glorie einer Evita Peron zu eigen machte.

Einfacher ist es da noch bei Schriftstellern, die selbst im Zeitalter der allgegenwärtigen Bildergewalt noch die Möglichkeit haben, ihre Gesichter und ihre Persönlichkeit hinter ihren Worten zu verstecken. Das mag Judi Dench ein wenig zu Hilfe gekommen sein, aber auch ohne das hat sie sich der zahllosen Vorschußlorbeeren, mit denen sie von Murdoch-Fans überhäuft wurde, mehr als würdig erwiesen. Sie liefert nicht weniger als eine schauspielerische Meisterleistung. Stets an ihrer Seite und nicht weniger überzeugend – der Oscar war wohlverdient – spielt Jim Broadbent den Ehemann der Autorin, auf dessen Memoiren übrigens auch das Drehbuch beruht. Mit der traumwandlerischen Sicherheit, die sich nur zwischen zwei großen Schauspielern einstellt, schaffen Dench und Broadbent es, den schwierigen Wechsel in der Beziehung des Ehepaars Murdoch-Bayley zu übermitteln, wenn die vorher so starke, brillante Iris bald für jede Kleinigkeit der Hilfe ihres vormals so unsicheren, bei jeder Gelegenheit in verlegenes Stottern ausbrechenden Ehemannes bedarf.

Hugh Bonneville und Kate Winslet schlagen sich als jüngere Ausgaben von Dench und Broadbent recht wacker, wenn auch im Spiel von Kate Winslet so manches bei großen Kolleginnen abgeguckt zu sein scheint: So etwa der laszive Blick, mit dem sie die Frage beantwortet, ob sie denn auch mit Frauen schlafe – der erinnert doch sehr an die berühmten Marlene Dietrich-Starfotos. Doch vielleicht ist es allein schon bemerkenswert, diesen Blick so perfekt zu kopieren.

Nach so viel Lob für die Darsteller verdient aber auch die sorgfältige Kameraführung Roger Pratts eine Erwähnung. Trotz aller Großaufnahmen bedrängt er die Gesichter der Darsteller niemals, sondern scheint seine Kamera ganz natürlich aus der jeweiligen Situation schöpfen zu lassen. Die mühelos wirkende Selbstverständlichkeit, mit der die Geschichte von Iris sich fast von selbst erzählt, verdankt sich zum einen dieser Kameraführung, wird aber letztlich getragen von Martin Walshs einfühlsamer Montage, mit der die komplizierte Verzahnung der beiden Zeitebenen im Gleichgewicht gehalten wird.

Wenn Iris bei alledem nicht sprühende Begeisterung beim Zuschauer auslöst, dann liegt das daran, daß es mit »O what a noble mind is here o'erthrown« in diesem Fall nicht getan ist. Shakespeare wirkt dunkel, weit vergangen und pathetisch angesichts der unheimlich weißen und nüchternen Bilder von Krankenhaus und Pflegeheim. Was bleibt, ist eine Beklommenheit, die nicht so einfach mit der Schulweisheit eines »Hamlet«-Zitats abzuschütteln ist, und womöglich ist das die größte Leistung dieses Films. 1970-01-01 01:00

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