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Irina Palm

B/L/GB/D/F 2007. R,B: Sam Garbarski. B: Philippe Blasband. K: Christophe Beaucarne. S: Ludo Troch. P: Entre Chien et Loup, Ipso Facto Liaison u.a. D: Marianne Faithfull, Miki Manojlovic, Kevin Bishop, Siobhan Hewlett u.a.
103 Min. X Verleih 14.6.07

Königin in Kittelschürze

Von Kyra Scheurer Diese politisch unkorrekte melancholische Komödie macht vieles scheinbar Unmögliche möglich: Erst nach jahrelanger Überzeugungsarbeit konnte dieser Stoff des polnischstämmigen Regisseurs unter Beteiligung von 15 (!) internationalen Produktionsfirmen und Förderern realisiert werden. Und dann: Sex und Unschuld Hand in Hand – in der Geschichte einer unscheinbaren 60jährigen Mittelklassehausfrau im Babuschka-Look, die in der Sexindustrie landet. Gespielt ausgerechnet von Marianne Faithfull, die als erste Schauspielerin in einem nicht indizierten Film das Wort »fuck« sagte, mit den Rolling Stones Orgien feierte und mit Alain Delon »nackt unter Leder« war. Mit Irina Palm gelingt Sam Garbarski die warmherzige und radikale Umwertung einer erotischen Ikone. Denn Faithfulls rauchige Stimme liest nun einem Enkelsohn vor, dem todkranken Oli, von ihr so sehr geliebt, daß sie alles tut, um ihn zu retten. Das Haus ist verkauft, Arbeit bekommt sie keine mehr, Kredit auch nicht – aber als sie bei Sexyworld im Fenster ein Schild sieht, zögert sie nicht. »Sie wissen, was eine Hostess ist?«, fragt Clubbesitzer Miki. »Ich denke schon – kochen, putzen, solche Sachen?«, antwortet die Frau, die später im Film unter dem Pseudonym Irina Palm (Palm = Handinnenfläche) eine ganz besondere Karriere machen wird. Diese Entscheidung wird nie hinterfragt oder zum Skandal stilisiert, die Protagonistin wird in ihrer Selbständigkeit ernstgenommen und als jemand gezeigt, der handelt, wo andere im Selbstmitleid verharren – das berührt und verleiht der Figur die Glaubwürdigkeit, die sie braucht bei ihrer skurrilen Reise ins Rotlichtmilieu – und beim Beginn einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte. In bester Tradition britischer Working-Class-Komödien verrät die Story nie die Figuren, nie das Milieu – weder das rotlichtige noch das kleinbürgerliche. Auch die lakonischen Dialoge mit anbetungswürdigen Onelinern sind bestes Beispiel für die unnachahmlich britische Mischung aus herzergreifender Tragik und knochentrockener Komik.

Aber Irina Palm ist mehr, geht tiefer als andere Filme dieses Genres: In seiner Sensibilität für die Katastrophen des Alltags ist der Film ganz auf Marianne Faithfull zugeschnitten, die eine unglaubliche Leistung bringt: wie sich ihr Gang verwandelt, das gehemmte Staksen immer zielstrebiger wird, wie sich langsam, aber sicher ein selbstbewußtes Blitzen in den Augen etabliert, wie aus ihrem zaghaften Lächeln ein inneres Leuchten wird und sie im Tragischen wie Komischen niemals ihre seltsam schlichte, anrührende Würde verliert. Und überhaupt, mit welch vieldeutiger Eleganz sie eine Handtasche zu halten vermag, mit welch spröder Nonchalance sie sich als alte Schachtel und wichsende Witwe bezeichnet und mit welch verspielter Lust sie nach der Enttarnung den moralinsauren Bridgebekannten aus der Vorstadt auf deren Blümchencouch Arbeitsbewegungen demonstriert und Berufsrisiken wie den »Penisarm« enthüllt. Und der traurige Stolz, wenigstens einmal im Leben die beste zu sein, die beste rechte Hand von London. Und, ach ja, die Selbstverständlichkeit mit der sie sich in ihrer Pornokabine hinter dem Loch, durch das die Kunden ihre Genitalien stecken, mit Thermoskanne, Brotdose und Kleenex einrichtet und in Kittelschürze mit einer Mischung aus Ekel, Faszination, Befremdung und Pragmatismus auf ihre Arbeit schaut. Danke, Marianne. 1970-01-01 01:00

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