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Intime Fremde

Confidences trop intimes. F 2003. R,B: Patrice Leconte. B: Jerome Tonnerre. K: Eduardo Serra. S: Joëlle Hache. M: Pascal Estève. P: Les Films Alain Sarde, France 3 Cinéma u.a. D: Sandrine Bonnaire, Fabrice Luchini, Anne Brochet, Michel Duchaussoy u.a.
104 Min. Arsenal ab 30.12.04

Annäherung an das Unbekannte

Von Daniel Bickermann Das deutsche Kino erreicht eine neue Blütezeit, und doch kann man sich manchmal angesichts der nachbarlichen Produktionen eines gewissen Neidgefühls nicht erwehren. Warum zum Beispiel kann ein solcher Film eigentlich nicht in Deutschland entstehen? Die Grundidee einer Frau, die sich durch ein Versehen statt beim Psychiater bei einem schüchternen Steuerberater auf die Couch legt, ist weder zu ausgefallen noch zu aufwendig für hiesige Produktionen. Nein, daß dieses Kammerspiel hierzulande wohl kaum so souverän gelingen würde, hängt nicht mit den Produktionsbedingungen, sondern mit der Qualität des Regisseurs zusammen.

Patrice Leconte, ein unbestechlicher Altmeister, macht zuerst einmal nicht den Fehler, der zugrundeliegenden Rollentauschidee allzuviel Gewicht zuzumuten. In Amerika (oder in Deutschland) wäre aus der Wahl der falschen Tür schnell eine Verwechslungskomödie geworden, mit verzweifelten Versteckspielchen und letztendlicher Erkenntnis inklusive Happy End. Leconte dagegen löst die vertauschten Identitäten geradezu aufreizend schnell und nebensächlich auf, schafft sie als Handlungsfaden, der ihn sichtlich wenig interessiert, aus dem Weg und findet dahinter tatsächlich noch viel fesselndere Motive, denen er sich widmen kann.

Vor allem die Frage des Vertrauens treibt Leconte wieder einmal um, die titelgebende Annäherung an das Unbekannte und die Faszination, die in diesem manchmal geradezu entdeckerisch anmutenden Prozeß liegt. Wie in seinen anderen Filmen auch geht es hier um die Anziehungskraft des Geheimnisvollen, wieder einmal verfällt ein Protagonist beinahe hilflos einer schönen Fremden, wieder einmal läuft eine übermäßig fragile Beziehung Gefahr, durch zu hastiges Vorpreschen zerstört zu werden.

Neben der Verwechslung scheint auch eine Genrevorgabe den Regisseur nicht sonderlich zu interessieren. Furchtlos wandert er zwischen den Stimmungen von Krimi, Liebesdrama, Thriller und Komödie umher, greift sich überall kleinere Versatzstücke heraus und kittet sie mit schierer Klasse zu einem nicht gerade mitreißenden, aber eben äußerst facettenreichen Film, der in jeder Einstellung pure Klasse atmet, wie ein sehr guter Wein.

Daß Leconte dabei selbst ebenso seiner femme fatale verfällt wie der Protagonist, ist ein weiteres Merkmal, daß diesen Film als undeutsch charakterisiert: Wann hat das letzte Mal ein einheimischer Regisseur seiner Hauptdarstellerin ein solch erotisches Denkmal gesetzt, ohne sie zu entblößen? Ohne jeden Einsatz von nackter Haut schafft Leconte einen der sinnlichsten Filme des Jahres, indem er mit der Kamera geradezu voyeuristisch die ganz kleinen Gesten einfängt, wenn Sandrine Bonnaire sich nachdenklich über den Hals streicht oder Fabrice Luchini verlegen die Hände aneinanderreibt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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