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Inside Man

USA 2006. R: Spike Lee. B: Russell Gewirtz, Menno Meyjes. K: Matthew J. Libatique. S: Barry Alexander Brown. P: Universal, Imagine Entertainement. D: Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe u.a.
129 Min. UIP ab 23.3.06

Unser Mann im Mainstream

Von Daniel Bickermann Es gibt immer wieder angenehme Überraschungen, wenn sich Autorenfilmer und andere Arthouse-Köpfe dazu versteigen, einen Unterhaltungs- oder Genrefilm zu drehen. Sicher kassiert man dafür keine Oscars und schon gar keine Festivalpreise, dafür verschafft man sich, wenn es gut läuft und man einen Hit landet, auf ein paar Jahre Ruhe vor den nörgelnden Buchhaltern, die immer lauter die mangelnde Geldvermehrung beklagen.

Daß solche Filme dann nicht nur zur Fingerübung dienen, sondern (siehe Soderbergh, Raimi, Spielberg) oft nicht weniger über die kulturelle Situation des Produktionslandes aussagen als die ambitioniertesten Thesenfilme, das liegt an der überschüssigen Energie, die einem klugen Kopf wie Spike Lee zur Verfügung steht, wenn er ein nicht gerade einfaches, aber doch nur durchschnittlich ausgefeiltes Caper Movie inszenieren soll. Denn er bleibt immer noch Spike Lee, und als solcher interessiert er sich einen feuchten Kehricht für Juwelen oder Banken oder Knarren. Statt dessen fasziniert ihn Politik, insbesondere Rassen- und Einwanderungspolitik, insbesondere in New York. Und da ist er hier goldrichtig.

Was nach dem Film haften bleibt ist denn auch keineswegs das mäßig raffinierte Verbrechen, die erwartungsgemäß gleichgewichtige Sympathieverteilung zwischen Cop und Gangster, die natürlich beide gewinnen, oder das routinierte Charisma der hochkarätigen Schauspieler; in Erinnerung bleibt vielmehr die Empörung eines Sikh, der als bombenlegender Araber beschuldigt und seines Turbans beraubt wird – beinahe zehn Minuten seines Films räumt Lee diesem Charakter ein, und keine davon ist langweilig oder prätentiös; haften bleibt auch der unterschwellige Rassismus, der dem schwarzen Detektiv immer noch entgegenschlägt, oder die offene Arroganz der weißen Oberschicht.

Wo plottechnisch nur gehobene Routine herrscht, treibt die Technik die schönsten Blüten. Denn Darstellung und Kommentierung von Ethnizität funktioniert nicht nur auf einer inhaltlichen Ebene, wie schon Richard Dyer in seinem kulturwissenschaftlichen Kompendium »White« feststellte. Am offensichtlichsten ist das bei der Frage der Ausleuchtung der Gesichter, die sich meist entweder an einer weißen oder einer schwarzen Hautfarbe orientiert und eine der beiden Seiten stets suboptimal porträtiert. So kommt es, daß man bei der Ansicht der Bilder, die Lee und sein Kameramann Matthew Libatique komponieren, nicht umhin kann zu bemerken, daß nicht-weiße Gesichter, insbesondere im Mainstream, selten so gut aussahen.

Nicht unerwähnt bleiben sollen auch ein paar wahre Geniestreiche von Lees alteingesessenem Editor Brown, wie die glänzende Eröffnungsmontage voller persönlicher und atmosphärischer Details. Wie im Vorbeigehen werden da Bilder vom Ort gezeigt, um den sich der sehr statische Film zwei Stunden lang drehen wird, und kleinste Eindrücke von den noch unbekannten Personen preisgegeben, die sich dort gezwungenermaßen aufhalten werden. Dies geschieht nicht, wie üblich, als hektische Stakkato-Slideshow, sondern als fließende Umschau, als organisches Puzzle an Impressionen, die zusammen mit der durchgängig grandiosen, ebenfalls ethnisch wild durchmischten Musik eine der faszinierendsten und einsichtigsten Montagesequenzen dieses Jahres liefert.

An der Oberfläche simpel, aber technisch kompliziert, kunstvoll, voller Wut, Diversität und Lebensfreude, kampfeslustig, wendig, grausam und großherzig, voller Liebe für den kleinen Mann und die »poor and huddled masses« – auch dieser Film gerät Spike Lee, und dieses Mal eher unerwartet, zum akkuraten Porträt und zur Liebeserklärung an seine Wahlheimat New York. 1970-01-01 01:00
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