— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Insel

The Island. USA 2005. R,P: Michael Bay. B: Caspian Tredwell-Owen, Alex Kurtzman, Roberto Orci. M: Steve Jablonsky. S: Paul Rubell, Christian A. Wagner. P: Parkes, MacDonald. D: Ewan McGregor, Scarlett Johansson, Djimon Hounsou u.a.
127 Min. Warner ab 4.8.05

Kakophonie des Lärms

Von Matthias Grimm So sieht das also aus, wenn ein Rabauke wie Michael Bay versucht, seine vermeintlich schöngeistigen Facetten auszuloten: in etwa, als ob Lukas Podolski ein Goethe-Hörbuch einspricht. Da treffen – immerhin – Absichten auf völlige Selbstüberschätzung und formalen Dilettantismus.

Was sich inhaltlich als Gattaca gebärdet und äußerlich als The Rock daherkommt, könnte im besten Falle noch als moderne Variation von Logan's Run durchgehen, würde sich Die Insel nicht schon im Ansatz um eine klare Artikulation seiner grundsätzlich interessanten Fragen zu Zusammenhängen von Ethik und Genetik feige herumdrücken und allenfalls Antworten liefern, die gleichermaßen eindeutig wie letzten Endes banal sind: Lügen ist böse und Töten irgendwie auch (es sei denn, man ist der Gute). Spätestens aber, nachdem Ewan McGregors Filmfigur Lincoln Six-Echo erkannt hat, daß seine Existenz ein großer Schwindel und er selbst nur ein lebendes Organ-Ersatzteillager ist, befindet er sich wie Dr. Kimble auf der Flucht und auf der Suche und gewissermaßen in einem anderen Film – einem genuinen Michael Bay-Film.

Diesem ging es schon immer nur darum, ausschließlich Lärm zu machen. Vor und insbesondere mit der Kamera. Bay möchte keine Effekte beim Zuschauer erzeugen, sondern Affekte auslösen. Und das dominante Verfahren, das ihm hierfür bekannt ist, ist ein rekordverdächtig schneller Schnitt, in den sämtliche filmischen Techniken polyphon einfallen. Auf diese Weise jedoch verleiht der Formalist Michael Bay seiner handwerklichen Insolvenz am offensichtlichsten Ausdruck: Seine Symphonie des Lärms ist lediglich Kakophonie, weil alles schreit und nichts klingt, sich alles ergänzt und so austauschbar wird. Bei Bay spielt sich alles Geschehen in Nahaufnahme ab, und alles wackelt vor der Handkamera, weil es sowieso nichts zu sehen gibt, nur zu spüren, zu erfahren: ein Substitut für Sinneseindrücke, das außer Hektik aber nichts zu vermitteln weiß. Am Ende klebt alles zusammen, ist alles beliebig, Hauptsache, es bewegt sich.

Daß sich Bay einen feuchten Kehricht darum schert, was er da eigentlich wie fotographiert, veranschaulicht am deutlichsten eine der letzten Einstellungen des Films: Hier wird ein Bildmotiv wieder aufgegriffen, das zuvor – durchaus nicht unoriginell – in einem intradiegetischen Werbespot eingeführt wurde. Nur daß Bay in keiner Weise zu erkennen gibt, ja, sich offenbar nicht einmal bewußt ist, daß er sich selbst, seine Ästhetik und die Muster, die er eben noch dekonstruierte, zitiert. Stattdessen reproduziert die völlige Ironiefreiheit der Sequenz die rein oberflächliche Reklame-Rhetorik und legt damit offen, daß Die Insel ebenso nur bewerben möchte – sich selbst. Und vielleicht noch die zahlreichen Product Placements. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap