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Innocence

AUS/B 2000. R,B: Paul Cox. K: Tony Clark, Jan Vancaillie. S: Simon Whitington. M: Paul Grabowsky. P: Illumination Films. D: Julia Blake, Charles Tingwell, Terry Norris, Robert Menzies, Marta Dusseldorp u.a.
94 min. Arsenal ab 17.01.02
Von Carsten Tritt Der australische Film steckt seit Jahren in einer künstlerischen Sackgasse, in der selbst Abschlußarbeiten nur durch ihre opahafte Inszenierung auffallen. Paul Cox spiegelt diese Tragik wider. Er wurde 1940 in Venlo geboren und wanderte später nach Australien aus. Nachdem er Bali zu Fuß durchquert hatte, wurde er Dozent an einer Kunstakademie und später Regisseur. »Ich weiß, daß mein Film Innocence niemals jemanden verletzen oder unangenehm berühren könnte. Er kann allenfalls das Leben bereichern.«

Cox beginnt den Film mit einem inneren Monolog. Im weiteren Verlauf wird dann der innere Monolog durch den konstruierten Dialog ersetzt, und Andreas und Claire, die gealterten Liebenden, um die es hier geht, müssen in Gesprächen mit ihren Kindern ihr Seelenleben offenbaren. Daß auf anderen Teilen der Südhalbkugel Filmemacher herausgefunden haben sollen, wie man Gefühle darstellen kann, ohne andauernd reden zu müssen, hält Cox wohl für ein Gerücht.

Man könnte Innocence gleich wieder vergessen, wären da nicht Hauptdarsteller, die den bemühten Regisseur fast vergessen machen. Claire wird von der 65jährigen Julie Blake gespielt, die in Australien sehr bekannt sein soll, und die bereits viermal in Filmen von Cox mitgewirkt hat. Andreas wird von Charles Tingwell, 78 Jahre, unter anderem der Inspector Craddock in den Rutherfordschen Miss Marple-Filmen, verkörpert. Beide ergänzen ihr Spiel perfekt, und sie schaffen es, weit mehr aus dem Drehbuch herauszuholen, als dieses eigentlich bietet. Jedem Wort, das ihnen Cox auferlegt hat, geben sie die ideale Betonung, es sitzt jede Geste und jeder Ausdruck.

Vor allem verstehen sie ihre Figuren weit besser als der Autor, und so setzt sich jede Gefühlsregung – Innocence handelt nun mal von großen Gefühlen – weit nuancierter in ihrem Spiel fort, als es das Buch zuzulassen schien. Das ist nicht allein Ergebnis einer beachtlichen Berufserfahrung, sondern auch eines immensen Talents, das die beiden auch noch im Alter auszeichnet. Ein zeitgemäßerer Regisseur hätte versucht, auch jenseits der reinen Drehbuchnacherzählung den Film voranzutreiben. Dem Zuschauer wäre dann allerdings nicht mehr so uneingeschränkt möglich, sich an dieser schauspielerischen Oase in der australischen Filmwüste zu laben. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #25.
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