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Inland Empire

USA/PL/F 2006. R,B,S: David Lynch. K: Odd-Geir Sæther. M: Angelo Badalamenti. P: Studio Canal, Fundacja Kultury. D: Laura Dern, Jeremy Irons, Harry Dean Stanton, Justin Theroux, Julia Ormond u.a.
172 Min. Concorde ab 26.4.07

Die Hasen sind nicht, was sie scheinen

Von Daniel Bickermann Am Anfang steht die schwarze Leinwand: Now it's dark. Dann flammt ein Scheinwerfer auf, ein Moment wie aus dem Schöpfungsmythos. Nur wird in diesem Film nicht von der Dunkelheit, sondern vom Licht die Bedrohung ausgehen; vom Licht, das bleiche Gesichter strahlen läßt, das durch offene Türen fällt, aus denen Fremde treten und durch die man das Böse in die Welt hinaustragen kann. In jeder der folgenden 172 Minuten regnen unzählige solcher Motive und Assoziationen auf den Zuschauer nieder, manchmal ziehen sie vorbei und kehren später wieder, winken kurz, müde, verschwinden dann endgültig im Nebel des Mysteriums. David Lynch verabschiedet sich von der Narration und driftet in den Symbolismus der Marke Matthew Barney ab, sein neuer Film ist ein Überforderer, ein Erschöpfer, der satte drei Stunden lang am Zuschauer nagt und schleift und rüttelt, und wenn Roger Willemsen recht hat mit seiner These, daß Kunst immer bedeutet: Überforderung des Publikums, dann ist das hier ganz große Kunst.

Das Geheimnis von David Lynch ist seine Fähigkeit, das zutiefst unfilmische Prinzip der Homonymie auf der Leinwand umzusetzen: daß ein Ding nämlich viele Dinge sein kann, parallel und paradox, daß man aus demselben Fenster ebenso einen hellen Hof sehen kann wie ein dunkles Filmset; daß ein simpler Gegenstand, ein Schraubenzieher, ein Telefon, eine Tür (oder auch: eine Kamera, ein Scheinwerfer) zugleich ein anderer sein kann, nicht nur metaphorisch, ganz haptisch. Folgerichtig weitergedacht landet man bei einem Zitat von Heiner Müller, demzufolge ein Mensch immer viele Menschen ist, und so steht im Zentrum dieser halluzinatorischen Raumzeitverzerrung namens Inland Empire auch gleich mehrmals Laura Dern, als schmierige Straßenhure, als glamouröser Filmstar, als schüchterne Südstaatenschönheit, als schizophrene Version einer Frau im Traum im Film im Traum einer anderen schizophrenen Frau. Laura Dern, wie sie sich durch den Film weint, flüstert, schreit und stirnrunzelt, ohne ein einziges Mal die so essentielle Körperspannung aufzugeben, das ist nichts weniger als sensationell.

Alle in diesem Film vorbeiziehenden Welten sind natürlich gespickt mit den üblichen Lynch-Schauspielern in den üblichen Lynch-Rollen: Grace Zabriskie schlafwandelt als Zwerg-Alien mit rollenden Augen und ebensolchem Akzent durch die Szenerie; Harry Dean Stanton schnorrt sich als verwirrt-sympathischer Kauz über ein Filmset; Diane Ladd grinst sich als haßgeifernde Hexe durch ihre eigene Talkshow. Dazu Cameos von Freunden, die in den fünf Jahren improvisierter Drehzeit gerade Zeit und Lust hatten, kurz vorbeizuschauen: William H. Macy, Nastassja Kinski oder Mary Steenburgen laufen mal kurz durchs Bild, verbreiten düstere Vorahnung und gehen dann wieder. Durch seine streckenweise krakelige digitale Handkamera ist der Film weniger Stream of Consciousness, mehr Zettelkasten, Skizzenblock. Dazu passend findet in Inland Empire auch die berüchtigte Kurzfilmreihe Rabbits ein neues Zuhause, wenn auch keinen nachvollziehbaren Anschluß. Aber wie sollte man auch eine Handvoll Szenen mit humanoiden Hasen, die zu unpassend eingespielten Lachern und Applaus bügeln und fernsehen, schlüssig in ein narratives Konzept integrieren?

Im Gedächtnis bleiben nach diesem Feuerwerk der Verwirrungen und Messalliancen vor allem die narrativen Sprünge: durch polnische Nebenhandlungen, durch Meta-Realitäten und Traumbilder, durch Identitäts- und Maskenwechsel, durch verschiedene Kamerastile und Filmmaterialien, zu denen Badalamentis Soundtrack gewohnt irrwitzig und pompös den Jazz zu Grabe trägt. Die zahlreichen Risse führen zwangsläufig zu einem Point Break beim Zuschauer: Wenn die imaginären Freundinnen der Hauptfigur im Formationstanz zur »Locomotion« abrocken, stirbt die letzte Hoffnung auf narrative Kohärenz. Aber wenn jede Tür in eine andere Welt und einen anderen Zustand führt, lernt man irgendwann auch, loszulassen, sich treiben zu lassen. In einem Interview beschreibt Lynch seine Erfahrungen mit der transzendentalen Meditation als Spaziergang »zum Ufer der Relativität. Und dann gleitet man hinein. Man transzendiert ins Absolute.« Wer nach anderthalb Stunden Inland Empire dieses Gefühl nicht nachvollziehen kann, wird wohl frustriert den Saal verlassen. Alle anderen sind erleuchtet. 1970-01-01 01:00

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