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Indian Love Story – Kal Ho Naa Ho

IND 2003. R: Nikhil Advani. B: Karan Johar. K: Anil Mehta. S: Sanjay Sankla. P: Dharma. D: Shah Rukh Khan, Preity Zinta, Saif Ali Khan, Jaya Bachchan u.a.
187 Min. Rapid Eye Movies ab 8.7.04

Rückblick ins Jetzt

Von Achim Wetter Die Erkenntnis, daß die Uhren im indischen Kino etwas anders ticken als anderswo, ist ja mittlerweile nicht mehr ganz neu. Und so wundert es einen kaum, wenn auch die Zeitachsen im aktuellsten Film aus dem Hause Dharma Productions ein klein wenig durcheinandergeraten. Denn eigentlich, und das wird viele Filmminuten nicht klar, handelt es sich bei dieser melodramatischen Geschichte über drei junge Menschen und die Liebe, um eine Rückschau mitten hinein in das ungestüme Lebensgefühl der 90er Jahre. Es regt zwar einerseits zum Schmunzeln an, ist aber auch höchst unterhaltsam zu sehen, wie unvoreingenommen man anderswo Versatzstücke aus dem Gestern und Heute kombiniert, um in lockerer Mixtur einen eigenen Kosmos zu erfinden, der sich ausschließlich an der Dramaturgie orientiert.

Was dabei entsteht, ist nur oberflächlich betrachtet ein typisch bollywoodeskes filmisches Hochglanzmagazin. Unter der bunten Fassade verbirgt sich vielmehr ein mit bildgewaltiger Suggestion durchtränktes Märchen, das dem Zuschauer schon nach kurzer Zeit jede Chance nimmt, seine Emotionen auch nur für Momente auf Ausgangsniveau herunterzufahren. Ebenso hemmungslos wie kunstvoll werden hier mit allen Mitteln Gefühle manipuliert. Nachvollziehbar, daß es in indischen Kinos üblich ist, sich in regelmäßigen Abständen den aufgestauten Druck kollektiv von der Seele zu brüllen. »Kino spüren« wird einem gegenwärtig wohl nirgendwo sonst so radikal vorexerziert wie in den indischen Blockbustern.

Shah Rukh Khan, Hauptdarsteller und einer der unumstrittenen Götter im Bollywood-Olymp, wurde vor allem bekannt durch Produktionen wie The Big-Hearted Will Win the Bride, Something is Happening, Sometimes Happy – Sometimes Sad oder Devdas. Ein charismatischer Typus, dem man wie nur wenigen den unentwegten Handstreich durchs dichte, frisch gefönte Haar verzeiht und der mit entsprechender Attitüde wie geschaffen ist für den Part eines Schönlings der 90er. In der Rolle von Aman, einem jüngst in New York angekommenen Exil-Inder voll unbändiger Energie und Lebensfreude, gewinnt er im Handumdrehen die Herzen seiner neuen Nachbarschaft. Bis auf das der leicht verbissenen Karrierefrau Naina, unverheiratet und, so schreibt es die indische Dramaturgie nun mal vor, wohl vor allem deshalb ziemlich unglücklich. Beides wird sich später natürlich ändern. Zunächst aber kommt es zu genretypischen Irrungen und Wirrungen, weil Nainas Studienfreund Rohan, ein netter Möchtegern-Frauenheld, plötzlich tiefere Gefühle für Naina entwickelt. Anhand dieser Grundkonstellation entspinnt sich ein im wahrsten Sinne des Wortes fabelhaftes Melodrama um aufkeimende Liebe und schließlich um Verzicht: Am Ende gelingt es Aman, der Naina zwar aufrichtig liebt, aber schwer krank ist und nur noch kurze Zeit zu leben hat, in einigen ergreifenden Szenen Naina mit seinem Konkurrenten zu verkuppeln.

Kal Ho Naa Ho, mit einem ähnlichen Produktionsstab realisiert wie Sometimes Happy – Sometimes Sad, knüpfte nicht nur in Indien, sondern auch in den USA und in Großbritannien fast an dessen Durchschlagskraft an den Kinokassen an. Dabei ist der Film die erste Bollywood-Produktion, die vollständig in den USA aufgenommen wurde. Ein eindeutiges Zeichen, wie ernst es die indische Filmindustrie mit der abzusehenden Assimilation meint. Mühelos werden die Wahrzeichen New Yorks als Kulisse mit einer zutiefst indischen Liebesgeschichte und klassischer Bollywoodästhetik verschmolzen. Man mag vielleicht kurz zusammenzucken, wenn man den Hauptdarsteller vor einer riesigen amerikanischen Flagge, vor dicken amerikanischen Sportwagen oder im Reigen mit jeder Menge blonder Cheerleader über die Straßen tanzen sieht. Doch ist dies nun mal nichts anderes als die unvermeidliche Verbildlichung dessen, was viele der Kinobesucher auf dem Subkontinent, die noch nie über die Grenzen ihrer Heimatstadt hinauskamen, sich unter dem amerikanischen Way of Life zusammenträumen möchten. Und der ist dem indischen Massenpublikum nun mal genauso fremd wie dem amerikanischen Durchschnittskinogänger der indische. 1970-01-01 01:00

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